Manager-Exodus beim US-Telekomkonzern
Sprint-Nextel-Chairman eilt von der Baustelle

Wenn zwei Unternehmen zusammenfinden, muss daraus nicht zwangsläufig eine Traumhochzeit werden. Der im Vorjahr für 36 Mrd. Dollar zum drittgrößten US-Mobilfunkanbieter fusionierte Telekom-Konzern Sprint Nextel liefert neuen Zündstoff für die These, dass Aufsehen erregende Fusionen häufig mehr schaden als nutzen. Wenige Wochen nach dem Abgang von Finanzvorstand Len Lauer gab Sprint Nextel am gestrigen Mittwoch bekannt, dass mit Tim Donahue ein weiterer Topmanager vorzeitig das Unternehmen verlassen wird.

NEW YORK. Donahue, der frühere Vorstandschef von Nextel, werde seinen Posten als Chairman des Boards Ende 2006 verlassen – zwei Jahre früher als vorgesehen. Analysten werteten Donahues Abgang als Indiz dafür, dass der Zusammenschluss „unter Gleichen“ zwischen dem Mobilfunker Sprint und dem stärker auf Geschäftskunden spezialisierten Walkie-Talkie-Betreiber Nextel große Probleme bereitet. Angesichts laufender Integrationsarbeiten komme der Zeitpunkt des Ausstiegs des 57-Jährigen überraschend, sagte Chris King, Telekom-Experte der Investmentbank Stifel Nicolaus.

Sprint Nextel hatte im August einen Gewinnrückgang von 600 Mill. Dollar auf 370 Mill. Dollar melden müssen und die Prognosen zum Kundenwachstum zurückgeschraubt. Der Aktienkurs des Unternehmens sackte nach Veröffentlichung der Zahlen um 13 Prozent ab; sie reagierte auf den Abgang des Chairman auch am Mittwoch wieder mit einem Minus. Vor Bekanntgabe der Fusion im August 2005 notierten Sprint-Aktien bei mehr als 24 Dollar – ein Wert, der rund 30 Prozent über dem aktuellen Kurs liegt.

Besserung ist derzeit kaum in Sicht: Die Bank UBS stufte die Sprint-Aktie zu Wochenbeginn von „kaufen“ auf „neutral“ herab mit der Begründung, der Druck auf das Kundenwachstum und die zu erzielenden Bruttobeiträge werde im nächsten Jahr noch zunehmen.

Sprint Nextel hat gegenüber Cingular und Verizon Wireless bereits kräftig an Boden verloren. Während die beiden US-Branchenführer im ersten Halbjahr 2006 mehr als drei Millionen Neukunden an Land zogen, flachte die Wachstumskurve bei Sprint deutlich ab. Hinzu kommt mit der deutschen Telekom-Tochter T-Mobile ein dritter preisaggressiver Wettbewerber, der sein wachsendes Geschäft in den USA vor allem über Niedrigtarife ausbauen will.

Sprint Nextel ist noch weitgehend damit beschäftigt, zwei grundverschiedene Organisationen und Kulturen zusammenzuführen. Mangels vorzeigbarer Ergebnisse sei das Firmenklima schwer abgekühlt, berichten Insider. Anstatt die Schwächen auszugleichen, hätten sich die Probleme schlicht addiert, schreibt das „Wall Street Journal“. Während Nextel-Manager frustriert zuschauten, wie die neuen Kollegen von Sprint ihre erfolgreiche Marke in eine Nebenrolle drängten, hat sich die Chefetage bisher bemüht, allzu herbe Einschnitte im Management zu vermeiden. Auf diese Weise wurden Bürokratien und Doppelstrukturen aufgebaut, die den Konzern in einem sich rasch verändernden Mobilfunkmarkt behindert und zurückgeworfen haben.

Um das Heft wieder in die Hand zu bekommen, plant der Telekomkonzern Investitionen von bis zu drei Mrd. Dollar für den Aufbau eines ultraschnellen Drahtlosnetzes auf Basis der Wimax-Technologie. Eine weitere Herausforderung besteht darin, die unterschiedlichen Mobilfunkstandards zusammenzuführen. Bisher werden beide Technologien nebeneinander vermarktet, um eine Massenflucht der Kunden zu vermeiden. Firmenangaben zufolge wird es mindestens bis 2012 dauern, ehe Nextel-Kunden auf das verlässlichere Sprint-Netzwerk umsteigen können – zwei Jahre länger als geplant.

Matthias Eberle
Matthias Eberle
Handelsblatt / Ressortleiter Ausland
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