Manager führen künftig den Textilkonzern
Rückzug des Benetton-Clans

Luciano Benetton und seine Familie ziehen sich aus dem Tagesgeschäft zurück. CEO Silvano Cassano soll eine neue Strategie entwickeln.

PONZANO VENETO. Der Hausherr mit dem grauen, wüsten Haar bittet zum Ortstermin. Draußen vor der Tür zeigt die braun gebrannte Hand von Luciano Benetton auf die metallene Einfassung des künstlich angelegten Teiches: „Sehen Sie, diese Schrauben hier sind rostig – das ist mir lange nicht aufgefallen. Jetzt aber habe ich es bemerkt und lasse sie austauschen.“

Mit dieser Parabel im sonnigen Garten der Villa Minelli – des Firmensitzes aus dem 17. Jahrhundert – erklärt der charismatische Unternehmer, warum er und seine Familie sich aus dem Tagesgeschäft des Textilkonzerns zurückziehen werden. „Wir treten ins zweite Glied, um Platz zu machen für andere. Bislang konnte es neben meinen Geschwistern und mir keine wirklich starken Personen geben, weil wir alle Schlüsselpositionen selbst bekleidet haben.“ Die Familie Benetton zieht sich aus dem operativen Geschäft ihres weltumspannenden Textilimperiums zurück.

Ein Hauch von Melancholie huscht über das Gesicht des 67-Jährigen. Wen überrascht’s? Schließlich spielt Luciano bei Benetton dieselbe Rolle wie Giorgio bei Armani oder Gianfranco bei Ferrè. Kurz: Familienkapitalisten, deren Unternehmen mit den Gründern identifiziert wird.

Begonnen hatte alles vor 40 Jahren, als Luciano und seine Geschwister Giuliana, Carlo und Gilberto ihre Ersparnisse zusammenwarfen, um eine gebrauchte Nähmaschine zu kaufen. Auf ihr stellte Giuliana bunte Strickpullis her – eine Revolution in den farblich tristen 60er-Jahren. Luciano bot die ersten Stücke Händlern in der Umgebung von Treviso im Hinterland Venedigs an. Sein Transportmittel war ein klappriges altes Fahrrad

.

Der Absatz war reißend, denn bereits zwei Jahre später gründen die Benettons ihre Firma, setzen eine Fabrik in die Landschaft und beginnen, den Weltmarkt aufzurollen. United Colors war geboren. Zwei Jahrzehnte darauf ist Benetton einer der größten Bekleidungskonzerne überhaupt – und dank des cleveren Konzepts der überwiegenden Auftragsfertigung durch Dritte und des Franchisings im Vertrieb auch einer der profitabelsten. Aus Baumwolle wurde Gold.

Unter dem maßgeblichen Einfluss des kreativen Fotografen Oliviero Toscani setzt Benetton für Werbung und Kommunikation Maßstäbe: Die meist provozierenden Kampagnen arbeiten mit Tabuthemen wie Krieg oder Krankheit. Oft löst die Schockwerbung Entrüstung aus, zu Unrecht, meint Luciano: „Wir wollten nur gesellschaftliche Diskussionen über wichtige Themen auslösen.“ Dass man daneben auch über Benetton sprach, hat dem Geschäft sicherlich nicht geschadet.

Heute, nach diesem märchenhaften Aufstieg, wollen sich die Gründer von ihrer Schöpfung lösen. „So wie 1986 der Gang an die Börse ein zeitgemäßer Schritt war, so ist heute unser Rückzug aus dem Tagesgeschäft eine moderne Entscheidung“, argumentiert Luciano.

Sicherlich spielt das Alter der Gründer eine Rolle. Aber auch diverse Fehlentscheidungen der letzten Jahre wie der teure Einstieg in das Geschäft mit Sportgeräten haben die Entscheidung beeinflusst, deutet er an. Das Unternehmen hatte im vergangenen Jahr erstmals in seiner Geschichte einen Verlust von 9,8 Millionen Euro ausgewiesen – ein harter Schlag für die Benettons. Noch ein Jahr zuvor hatte man der Konjunkturkrise erfolgreich trotzen können und einen Gewinn von 148 Millionen Euro erzielt.

Vor allem außerordentliche Ausgaben im Zusammenhang mit dem Verkauf mehrerer Sportartikel-Marken führten zu Problemen. Auch das Sport-Fiasko habe ihm klar gemacht, dass es an der Zeit sei, den Rückzug aus dem direkten Firmenmanagement anzutreten, sagte der Unternehmenschef im Interview. „Manager kann man entlassen, wenn sie nicht funktionieren. Eigentümer nicht. Dieses Schema wollen wir nun hinter uns lassen.“ Konkret haben in den letzten Wochen bereits Lucianos drei Geschwister ihre Positionen als Produktverantwortliche (Giuliana), Finanzchef (Gilberto) und Produktionsleiter (Carlo) an den Nagel gehängt. Auch sein Sohn Marco und zwei Nichten, die bislang im Marketing gearbeitet haben, verlassen das Unternehmen. „Nur mich haben sie als Geisel behalten, um die Übergangszeit zu begleiten“, scherzt Luciano. Er wird auch weiterhin Präsident des Konzerns bleiben. „Aber kein operativer“, fügt er hinzu und zupft sich den Kragen seines lilafarbenen Poloshirts aus eigener Produktion zurecht.

Künftig soll kein Benetton mehr im Management der Firma arbeiten, die doch den Namen der Familie trägt und an der der Clan immer noch mit 69 Prozent beteiligt ist. Stattdessen ist im Frühling mit dem 47-jährigen Silvano Cassano ein neuer Chief Executive eingestellt worden, auf den die Benettons große Hoffnungen setzen. Cassano war in den letzten drei Jahren im Fiat-Konzern zuständig für die Finanzdienstleistungen und gilt als Vertriebsexperte. Von seinem alten Arbeitgeber hat er sich sein gesamtes Management-Team mitgebracht, dem Luciano Benetton nun Zeit bis zum Herbst gibt, um eine neue Strategie zu entwickeln, die erfolgreicher ist als die alte.

Alles also nur eine rationale Entscheidung, Signor Luciano? „Ich bitte sie – es ist auch Egoismus im Spiel. Ich möchte nach 40 Jahren Arbeit meine Freizeit genießen, reisen und schöne Dinge tun, für die ich bisher zu wenig Zeit hatte.“ Kei-ne Spur mehr von Melancholie. Benetton freut sich auf sein Rentnerdasein.

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