Manche bezeichnen Cem Uzan schon als den „türkischen Berlusconi“
Der Niedergang der Uzan-Dynastie

Hakan Uzan ist „geschockt“. In keinem anderen europäischen Land, so glaubt er, wäre möglich, was sich jetzt in der Türkei abspiele: „eine organisierte politische Kampagne gegen meine Familie“. Aber Hakan Uzan will sich wehren. „Wir sind im Recht, und wer im Recht ist, wird letztlich siegen.“

ISTANBUL. Nach einem Sieg für die Uzans, in der Türkei die viertreichste Familie des Landes, sieht es zurzeit allerdings nicht aus. Seit dem Wochenende fahndet die Polizei nach dem Familienpatriarchen Kemal Uzan, 70, dessen Ehefrau, Sohn Hakan und Tochter Aysegül. Türkische Richter erließen den Haftbefehl wegen angeblicher Unregelmäßigkeiten bei der Türkiye Imar Bankasi, einem Kreditinstitut des Clans. Gegen acht Mitarbeiter liegen weitere Haftbefehle vor.

Der Uzan-Clan macht schwere Zeiten durch. Das riesige Wirtschaftsimperium, das Familienpatriarch Kemal Uzan mit seinen Söhnen Hakan und Cem in den vergangenen 20 Jahren aufbaute, droht zu zerfallen. Unter den Dächern der Familien-Holdings Rumeli und Prime operieren über 130 Unternehmen, dazu gehören Banken, Kraftwerke, Bauunternehmen, Hotels, Telekommunikationsfirmen und ein Medienkonzern samt TV-Sender.

Doch erst nahm die türkische Energie-Regulierungsbehörde den Uzans wegen Verstößen gegen Lizenz- und Wettbewerbsrecht im Frühjahr zwei Kraftwerksunternehmen weg – Curkova Elektrik AS und Kepez Elektrik AS. Dann stellte die türkische Bankenaufsicht die beiden Kreditinstitute der Familien-Holding, Türkiye Imar Bankasi SA und Adabank SA, unter staatliche Zwangsverwaltung. Bei den Geldinstituten soll es erhebliche Unregelmäßigkeiten gegeben haben. Darüber hinaus erteilten die türkischen Medienwächter den fünf von Uzan kontrollierten Fernsehkanälen vergangenen Monat ein vierwöchiges Sendeverbot. Ende Juli kam der nächste Schlag. Ein New Yorker Richter verurteilte die Familie, der Motorola Inc. Schadensersatz in Höhe von 4,27 Milliarden Dollar zu zahlen.

Das war vorläufig der Höhepunkt eines Verfahrens, das Motorola und Nokia Anfang 2002 gegen die Uzans anstrengten. Die Handy-Giganten hatten sich Mitte der 90er-Jahre mit der türkischen Unternehmerfamilie zusammengetan, um in der Türkei ein Mobilfunknetz aufzubauen. Dem von Uzan kontrollierten Netzbetreiber Telsim gaben sie als Starthilfe Lieferantenkredite von insgesamt knapp drei Milliarden Dollar. Motorola und Nokia werfen dem Uzan-Clan vor, die Darlehen für den Kauf von Appartements in New York, Motoryachten und Helikoptern abgezweigt zu haben. Mit einer „nahezu endlosen Reihe von Lügen und Drohungen“ habe die Uzan-Familie sich die Gelder von Motorola und Nokia erschlichen, „um sie in die eigene Tasche zu stecken“, urteilte Jed Rakoff, Richter am Bezirksgericht New York Süd, und erließ auch noch einen Haftbefehl gegen die Familienmitglieder des Unternehmer-Clans.

Gleichzeitig eskalierte an der Heimatfront der Konflikt, der nach Ansicht der Familie begann, als Cem Uzan, jüngster Spross der Familie, im vergangenen Jahr in die Politik ging. Mit seiner neu gegründeten Jugend-Partei kam er bei der Wahl vom November 2002 aus dem Stand auf sieben Prozent. Zu wenig zwar für den Einzug ins Parlament, aber Meinungsumfragen sehen ihn inzwischen bei 16 Prozent. Mit populistischen, islamistischen und rechtsnationalistischen Parolen wirbt Cem Uzan um Wähler. Die zum Uzan-Imperium gehörenden TV-Sender, Rundfunkstationen und Printmedien unterstützen den Möchtegern-Politiker nach Kräften. Manche bezeichnen ihn schon als den „türkischen Berlusconi“.

Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan und seiner islamisch-konservativen Gerechtigkeits- und Entwicklungspartei könnte Cem Uzan gefährlich werden. Das Uzan-Boulevardblatt „Star“ vermutet hinter den Ermittlungen denn auch eine „schmutzige politische Verschwörung“. Vor wenigen Tagen erst durchsuchten Ermittler zeitgleich nicht weniger als 82 Uzan-Firmen, um Beweismaterial sicherzustellen. Es geht um angebliche Geldwäsche.

Istanbuler Analysten rechnen nun damit, dass die Bankenaufsicht als Nächstes nach der von Hakan Uzan geführten Telsim, dem zweitgrößten Mobilfunkunternehmen der Türkei, greifen wird. Damit sollen die Gläubigeransprüche der Uzan-Banken gesichert werden. Auch die staatliche Türk Telekom meldet Forderungen an. Telsim schuldet angeblich Gebühren für die Nutzung des Festnetzes. Und dann ist da noch eine Verleumdungsklage von Ministerpräsident Erdogan anhängig. Der fromme Islamist fordert 700 000 Euro Schmerzensgeld, weil Cem Uzan ihn auf einer seiner Kundgebungen einen „gottlosen Strolch“ nannte.

Gerd Höhler
Gerd Höhler
Handelsblatt / Korrespondent Südosteuropa
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