Mangel an Profis Insolvenzen: Sanieren statt abwickeln

Eine Großpleite nach der anderen schockiert die deutsche Wirtschaft. Kritiker bezweifeln, dass ausgerechnet behördlich bestellte Insolvenzverwalter der Lage gewachsen sind und heizen damit den Streit um die Professionalität deutscher Insolvenzverwalter neu an. Mittlerweile haben aber auch andere das Geschäft mit den Pleiten entdeckt.
Unter den 1 200 Insolvenzverwaltern in Deutschland gibt es nur wenige, die auch sanieren können. Quelle: action press

Unter den 1 200 Insolvenzverwaltern in Deutschland gibt es nur wenige, die auch sanieren können.

(Foto: action press)

DÜSSELDORF. "Es ist schon traurig, wenn man sieht, dass drittklassige Leute mit dem Schicksal von Milliardenkonzernen betreut werden", sagt ein Gläubiger in einem aktuellen Pleitefall. "Mir ist völlig unklar, wie diese Insolvenzverwalter eigentlich ausgewählt werden."

Bis zu 100 000 Arbeitsplätze und Milliardenforderungen, so behauptet Hans Haarmeyer, könnten jedes Jahr gesichert werden, gäbe es in Deutschland bessere Insolvenzverwalter. Der Professor von der Fachhochschule Koblenz hat deshalb ein Rating entwickelt, um gute von schlechten Sanierer zu trennen. Sein Maß ist unter anderem die Quote, mit der Ansprüche von Gläubigern befriedigt werden. Denn im Durchschnitt sehen Banken und Lieferanten nur fünf Prozent ihrer Forderungen wieder, wenn einer ihrer Kunden in die Insolvenz geht.

Die Branche schäumt. Haarmeyers Insolvenzverwalter-Tüv sei unseriös, Insolvenzfälle seien nicht miteinander vergleichbar. "Es gibt Verfahren, da kann jeder Anfänger eine Quote von 80 Prozent erreichen", sagt etwa Frank Kebekus, Sprecher des renommierten Gravenbrucher Kreises von Insolvenzverwaltern. Er arbeite mit Durchschnittswerten über längere Zeiträume, kontert Haarmeyer. Sein Rating sei nicht angreifbar.

In einem Punkt geben viele Anwälte dem umtriebigen früheren Konkursrichter recht: Unter den 1 200 Insolvenzverwaltern in Deutschland gibt es nur wenige, die auch sanieren können. Diese Frage ist besonders aktuell, weil im Zuge der Rezession selbst Firmen in Bedrängnis geraten, die im Kern gesund sind, denen aber kurzfristig der Absatz wegbricht.

Auch Bundesjustizministerin Brigitte Zypries (SPD) hält nur "hochspezialisierte Kanzleien" für geeignet. Bis heute ist es allerdings üblich, dass die 180 Amtsrichter im Lande nach eigenem Ermessen einen Insolvenzverwalter aussuchen und ihn mit einem Fall beauftragen. Eine Garantie, einen qualifizierten Verwalter zu bekommen, gibt es nicht.

"Ich würde keinem Unternehmer empfehlen, proaktiv ein Insolvenzverfahren zur Sanierung anzustreben, wenn ich vorher nicht absehen kann, wer Verwalter wird", sagt einer der führenden Insolvenzverwalter über das Auswahlverfahren. Das Insolvenzrecht gibt dem Anwalt seit der Reform vor zehn Jahren Instrumente an die Hand, die nicht auf Zerschlagung und Verwertung des Pleitekandidaten hinauslaufen, sondern auf den Erhalt der Unternehmens. Bei einer solchen Planinsolvenz, die eher einem Sanierungsverfahren gleicht, muss der Verwalter allerdings Risiko übernehmen.

Der Maschinenbaukonzern Babcock-Borsig wurde beispielsweise auf diesem Wege saniert. Als Vorstandschef fungierte hier lange Zeit der Düsseldorfer Anwalt Horst Piepenburg. Vor diesem Risiko scheuen viele seiner Kollegen zurück. Gerade einmal zwei Prozent aller Pleitefälle sind Planverfahren.

Planerprobt sind zumindest die Mitglieder des Gravenbrucher Kreises, in dem sich 23 führende Insolvenzverwalter wie Siegfried Beck, Volker Grub, Bruno Kübler und Michael Pluta zusammengeschlossen haben. Doch selbst diese Vereinigung sieht sich gezwungen, auf die wachsende Kritik am Insolvenzverwalter-Gewerbe zu reagieren. Im Sommer soll eine eigene Zertifizierung vorgestellt werden, die über bisherige Qualitätssiegel hinausgeht.

Das Können der Insolvenzverwalter wird umso wichtiger, als immer mehr Großpleiten die Öffentlichkeit beschäftigen. Die Krise von Warenhäusern (Hertie, Woolworth) und Autozulieferern (Edscha, Karmann, TMD Friction) scheint nur ein Vorgeschmack. Experten rechnen 2009 mit 35 000 Unternehmensinsolvenzen. 2007 waren es 28 000.

So viele Pleiten bieten auch Chancen. Die Investmentbank Rothschild rekrutiert aktiv Krisenspezialisten, die vor oder nach einer Insolvenzanmeldung aktiv werden, auch Morgan Stanley und Credit Suisse bauen ihre Abteilungen aus. Als weltweit größter Anbieter von Restrukturierungsleistungen gilt Houlihan Lokey. Aber auch kleinere Boutiquen wie Corporate Finance Partners haben sich in Deutschland in diese Nische vorgearbeitet. Besonders aktiv ist die Frankfurter Investmentbank Freitag & Co., die aktuell eine ganze Reihe von großen Fällen betreut.

Die Investmentbanker sind meist schon da, bevor der Insolvenzverwalter gerufen wird. Oft geht es darum, die Gläubiger davon zu überzeugen, sich ohne behördliche Aufsicht zu einigen. "Dept to Equity" lautet das Schlagwort, unter dem Finanzberater, Insolvenzexperten und selbst der Bundeswirtschaftsminister derzeit Modelle diskutieren, mit denen angeschlagenen Unternehmen noch vor einer Insolvenz geholfen werden kann. Gläubiger erhalten dabei für den Verzicht auf Forderungen Anteile des Unternehmens. Auch die Unternehmensberatung Roland Berger ist bei der Vermeidung von Insolvenzen seit Jahren aktiv - und das Geschäft nimmt rapide zu. Nach Angaben von Sascha Haghani, Leiter Finance bei Corporate Finance, waren 2000 zehn Prozent seiner Fälle Rekapitalisierungen. 2009 sind es mehr als 50 Prozent.

Selbst wenn die Insolvenz nicht verhindert werden kann, bleiben Unternehmensberater und Investmentbanker im Krisenteam. "M&A-Berater werden in größeren Verfahren gebraucht, um einen geordneten Investorenprozess darzustellen und zu dokumentieren", sagt Insolvenzverwalter Michael Jaffé, der aktuell für den Chiphersteller Qimonda im Einsatz ist. Mit solchen Dokumentationen wollen sich Insolvenzverwalter auch gegen Schadensersatzansprüche wappnen.

Genau diese "Verrechtlichung eines wirtschaftlichen Problems" ist für Branchenkritiker Haarmeyer der Knackpunkt. Das "System der Haftungsvermeidung" produziert nach seiner Meinung nur Kosten - zu Lasten der Gläubiger. Haarmeyer: "Es ist doch skandalös wenn im Durchschnitt zwei Drittel des Gläubigervermögens für Verwaltungs- und Verwertungskosten draufgehen."

Startseite
Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%