Mannesmann-Prozess
BGH-Richter Tolksdorf: Neutral bis zur Farblosigkeit

Scharfzüngig und penibel – so beschreiben ihn Juristen. Wer aber ist BGH-Richter Klaus Tolksdorf wirklich, der Mann, der heute das Mannesmann-Urteil verkündet und damit auch über die Zukunft von Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann entscheidet?

KARLSRUHE. Sein Mund ist keine gerade Linie, er ist ein M. Genau genommen sind es zwei, ein oberes und ein unteres. Wenn er redet, klappen die beiden auseinander, und wenn er fertig ist, verschmelzen sie wieder zu einem einzigen Buchstaben. Ein bisschen sieht es aus wie bei einer Comicfigur, so klar konturiert sind die Linien und Winkel. Walt Disneys Kater Carlo hat ihn, Loriots Herr Dr. Klöbner auch. Ein Mund wie ein M, wie leicht müssen ihm da Begriffe wie „Mottasadeq“ oder „Mzoudi“ über die Lippen gegangen sein. In wenigen Stunden wird das M wieder zum Einsatz kommen. Dann wird es „Mannesmann“ sagen.

Klaus Tolksdorf heißt der Mann zu dem Mund, und „Mannesmann“ steht für einen seiner wohl brisantesten Fälle. Heute wird der Vorsitzende des 3. Strafsenats des Bundesgerichtshofs (BGH) das Revisionsurteil im Wirtschaftsstrafverfahren um Manager und Millionenprämien verkünden. Dann werden 14 Anwälte, zwei Ankläger und knapp 50 Pressevertreter auf Tolksdorf starren und angespannt nachschmecken, was das M soeben von sich gegeben hat: Hat es „die Revision wird verworfen“ gesagt? Oder „das Urteil des Landgerichts Düsseldorf wird aufgehoben“?

Im zweiten Fall sieht es schlecht aus für die sechs Angeklagten – darunter der ehemalige Lenker des Mannesmann-Konzerns, Klaus Esser, Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann und Ex-IG-Metall-Vorsitzender Klaus Zwickel. Eine Neuauflage des Prozesses würde die Mitte 2004 vom Landgericht Düsseldorf Freigesprochenen einer Verurteilung deutlich näher bringen – und Top-Banker Josef Ackermann wohl um seinen Job.

Lebenslauf

Herkunft: Klaus Tolksdorf wird 1948 in Gelsenkirchen geboren. Abitur macht er in Wiesbaden, weil sein Vater Vizepräsident des Bundeskriminalamts wird. Tolksdorf geht zunächst zur Polizeischule in Münster, beschäftigt sich aber schon im Streifenwagen mit Jura. Studium und Referendariat absolviert er in Münster und Bonn, beide Examina schließt er mit der Note „Eins“ ab.

Karriere: In den Justizdienst kommt er 1978, ist zuerst Richter am Landgericht Bonn, später am Oberlandesgericht Hamm. 1992 wird er zum BGH geholt, wo ihm 2001 der Vorsitz des 3. Strafsenats übertragen wird.

Freizeit: Der Vater von drei erwachsenen Kindern spielt noch heute Fußball – in einer „Altherrenmannschaft“ des BGH.

Die Öffentlichkeit schaut also auf Klaus Tolksdorf, einen grauhaarigen 57-Jährigen aus Nordrhein-Westfalen, dessen augenfälligstes Merkmal der Mund ist – und der ansonsten nur dadurch auffällt, dass er nichts Auffälliges an sich hat. „Die überdurchschnittliche Durchschnittlichkeit“ nennt es ein Karlsruher Anwalt.

Eine Einschätzung, die so verständlich wie falsch ist. Denn hinter einer durchschnittlichen Fassade verbirgt sich ein überdurchschnittlich guter Richter, der, so heißt es in Justizkreisen, für seine Unabhängigkeit notfalls „bis an die Grenze zur Farblosigkeit geht“.

Seite 1:

BGH-Richter Tolksdorf: Neutral bis zur Farblosigkeit

Seite 2:

Seite 3:

Seite 4:

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%