Marcus Brauchli
Weniger Recherche, mehr Murdoch

Medien-Milliardär Rupert Murdoch baut das „Wall Street Journal“ groß um: Jetzt geht auch Chefredakteur Marcus Brauchli. Der Amerikaner mit Schweizer Pass rückte erst vor kaum einem Jahr an die Spitze der renommierten US-Wirtschaftszeitung.

Wenn Mitarbeiter des „Wall Street Journals“ (WSJ) aus ihren Fenstern schauen, blicken sie auf die Großbaustelle Ground Zero in Downtown Manhattan. Es ist eine laute, hektische und sieben Jahre nach dem Terror des 11. September noch immer beklemmende Atmosphäre, die auf das benachbarte World Financial Center ausstrahlt. Seit Medien-Milliardär Rupert Murdoch dort im elften Stock einzog und für stolze fünf Milliarden Dollar die Kontrolle des Traditionsverlags Dow Jones übernahm, bleibt in den Journalistenbüros von Amerikas führender Wirtschaftszeitung kein Stein mehr auf dem anderen. Einige fürchten, dass Teile der WSJ-Redaktion schon bald in die Zentrale von Murdochs News Corp. nach Midtown umziehen müssen. Nach 119 Jahren an der Wall Street wäre das ein historischer Schritt.

Personell sind die Schritte schon einschneidend genug: Nach einer Reihe von Wechseln im Management des Verlags – Geschäftsführer und Herausgeber von Dow Jones sind bereits nicht mehr an Bord – erhalten die rund 600 WSJ-Journalisten in Kürze auch einen neuen Chefredakteur. Marcus Brauchli, 46, hat seinen Job nach kaum einem Jahr im Amt aufgegeben. Dow Jones teilte gestern mit, man werde umgehend einen Nachfolger suchen. Dass nicht das WSJ die Exklusivgeschichte in eigener Sache zuerst meldete, sondern das Magazin „Time“, werten Journal-Reporter nur als Beleg für die neue Haltung im Hause: weniger Recherche, mehr Murdoch.

Mit Brauchli, dem hoch aufgeschossenen Amerikaner mit Schweizer Pass, verlässt ein aufrechter Journalist den Newsroom. 15 Jahre lang hat er aus dem Ausland für die renommierte US-Zeitung berichtet, unter anderem aus China, Russland und Japan – stets als eiserner Verfechter des Qualitätsjournalismus. „Wir dürfen in Krisenzeiten unser Angebot nicht zurückfahren“, hat Brauchli bei seinem Amtsantritt im Mai 2007 stolz verkündet.

Er wähnte die Dow-Jones-Eigentümerfamilie Bancroft hinter sich, auch wenn sie der generösen Murdoch-Offerte von 60 Dollar pro Aktie im Vorjahr nicht widerstehen konnte. Die Bancrofts pochten aber auf die journalistische Freiheit der Dow-Jones-Publikationen und setzten nach zähem Ringen einen fünfköpfigen Aufsichtsrat aus unabhängigen Mitgliedern durch, der die Redaktion vor unerwünschten Eingriffen schützen soll.

Bereits vier Monate nach der offiziellen Übernahme scheint jedoch klar, dass der Freiraum der Chefredaktion allzu groß nicht mehr ist: Murdoch plant ein Luxus-Hochglanzmagazin unter dem Markendach „WSJ“. Er wünscht kürzere Artikel, regelmäßige Sportberichte und vor allem mehr Politik, um die ehrwürdige, aber finanziell angeschlagene „New York Times“ anzugreifen.

Brauchli sei frustriert von den Änderungen und habe nicht wie versprochen die volle Kontrolle über das Blatt, berichten Weggefährten. Mehr Reporter in Washington, dafür weniger Editoren in New York – mit dieser Strategie war der „Managing Editor“ nicht einverstanden.

Interimsmäßig werde Herausgeber Robert Thomson auch den Posten des Chefredakteurs übernehmen, schrieb das WSJ gestern unter Berufung auf Personen, die mit der Situation vertraut sind. Thomson war zuvor Chefredakteur der „Times“ in London, die ebenfalls zum Murdoch-Imperium gehört. Die Neubesetzung der Chefredaktion wird zur Nagelprobe für das „neue WSJ“: Murdoch hat zwar ein Vorschlagsrecht bei der Besetzung der Spitzenpositionen, kann seine Wünsche aber nicht gegen den Willen des unabhängigen Kontrollgremiums durchsetzen – so zumindest steht es auf dem Papier.

Matthias Eberle
Matthias Eberle
Handelsblatt / Ressortleiter Ausland
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