Marcus Dahmen
Der entspannte Banker von der Rentenbank

12,3 Prozent Kernkapital, Rekordgewinn in 2008 und ein operatives Ergebnis in den ersten drei Monaten über Vorjahresniveau. Marcus Dahmen, Vorstandschef der Rentenbank, macht in der Krise Gewinne statt Verluste – und ist der wahrscheinlich entspannteste Banker Deutschlands.

FRANKFURT. Die Stirn – sie reicht bis zum Hinterkopf. Der Mund – ein gerader Strich. Die Augen – viereckig eingerahmt von einer strengen Brille. Alle diese Signale sagen eigentlich nur eins: Marcus Dahmen ist ein Mann der Pflicht, der in diesen schweren Zeiten tut, was ein Mann und Banker tun muss.

Falsch. Dahmen, 43 Jahre alt und derzeit als Vorstand sozusagen Hauptlastträger der Feierlichkeiten zum 60-jährigen Bestehen der Rentenbank, ist so etwa der entspannteste Banker Deutschlands. 12,3 Prozent Kernkapital, Rekordgewinn in 2008 und ein operatives Ergebnis in den ersten drei Monaten dieses Jahres, das über dem des vergangenen liegt – Herz, was willst du mehr? „Völlig entspannt zu sein, ist ein Zustand, der leider zu schön ist, um wahr zu sein“, sagt Dahmen, zieht einen Mundwinkel nach oben.

Was also hat der Mann auszustehen? Er wird nicht ernsthaft darunter leiden, dass seine Rentenbank den wenigsten außerhalb der Landwirtschaft ein Begriff ist. Als Förderbank kommt sie immer dann ins Spiel, wenn es um Investitionen für Ackerbau und Viehzucht oder moderner gesprochen um das „Agribusiness“ geht. Dahmen ist der Mann, der ganz andere Krisen als die kennt, die von Schrottpapieren ausgelöst werden: Den Schweinezyklus zum Beispiel. Oder den Verfall der Milchpreise. Die „Welternährung“ bezeichnet er als das Zukunftsthema. Dass er damit sicher recht hat, im Augenblick aber vom Geheul gefallener Finanzmarktjongleure überstimmt wird, nimmt er achselzuckend zur Kenntnis.

Dennoch: Die mittel- und langfristigen Förderdarlehen der Rentenbank sind fleißig angeschwollen, um acht Prozent auf mehr als 40 Mrd. Euro im vergangenen Jahr. Subprime-Papiere lagen nicht im Tresor, als Dahmen vor zwei Jahren von der Deutschen Bank, wo er die Firmenkunden betreute, zur Rentenbank wechselte. Die Bemerkung, dass er ein halbes Jahr später nicht die Rentenbank als neues Betätigungsfeld, sondern womöglich statt seines Ex-Deutsche-Bank-Kollegen Axel Wieandt die marode Immobilienbank HRE abbekommen hätte, entlockt ihm ein Lächeln. Das verzieht sich, wenn er auf den Vergleich zu einer anderen größeren Förderbank angesprochen wird, der KfW. Während die sich nach dem Desaster um eine aus Versehen ausgelöste Überweisung an die am 15. September 2008 in die Pleite gesegelte Bank der Gebrüder Lehman gerade wieder neu erfindet, stellt Dahmen fest: „Der Fall Lehman war bei uns am 16. September um 12 Uhr durch.“

Was also hat er auszustehen? „Der Markt hat sich synthetisch stabilisiert“, sagt Dahmen und beschreibt damit das Geflecht aus Staatshilfen und Zentralbank-Entscheidungen, das derzeit dafür sorgt, dass wieder so etwas wie Berechenbarkeit in die Finanzmärkte einzieht. Wer wie er eine Bank leitet, die mit knapp 90 Mrd. Euro immerhin zu den 20 größten im Lande zählt, interessiert sich für übergreifende Themen dieser Art. Auch die Rentenbank hat ihre Bilanzsumme verkleinert: 19 Mrd. Euro beträgt der Unterschied zwischen dem März vergangenen und dem März dieses Jahres. Gleichzeitig erhöhte die Bank ihre Risikovorsorge, weil Dahmen die Gefahr höher einschätzt, dass regionale Institute ausfallen könnten, über die die Rentenbank ihre Kredite für Landwirte abwickelt. Er hat bei der Suche nach Refinanzierungspartnern wieder mehr deutsche Adressen ins Auge gefasst. Kreditentscheidungen werden im denkmalgeschützten Gebäude am Eschenheimer Turm in Frankfurt nur noch auf Einzelfallbasis getroffen. Auf Basis des Rechnungslegungsstandards IFRS hat die Bank trotzdem Werte berichtigen müssen.

Die Folge: „Wir sagen jetzt öfter mal Nein beim allgemeinen Refinanzierungsgeschäft für Banken“, berichtet der Banker. Er lehnt dabei seinen Oberkörper so nach vorn, dass er genau zwischen den beiden Hörnern sitzt, die auf einem Plakat hinter ihm die Werbebotschaft der Rentenbank illustrieren: „Der Bulle steht uns näher als der Bär“, heißt es da, womit klar wird: Dahmen hat offenbar einen Sinn für mehrdeutige Botschaften.

Marcus Dahmen

1965 wird Marcus Dahmen in Mönchengladbach geboren. Er ist verheiratet und hat drei Kinder.

1993 promoviert er nach seinem Volkswirtschaftsstudium in Freiburg. Im selben Jahr beginnt er bei der Deutschen Bank, wo er 1995 im Marketing und Vertrieb landet.

2004 wird er bei der Deutschen Bank Leiter des öffentlichen Sektors und Mitglied der Geschäftsleitung für Firmenkunden in Deutschland.

2007 wird er Sprecher des Vorstands der landwirtschaftlichen Rentenbank in Frankfurt. Er sitzt auch im Beirat der DZ-Bank.

Oliver Stock
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Handelsblatt / Stellvertretender Chefredakteur
Nicole Bastian
Nicole Bastian
Handelsblatt / Ressortleiterin Ausland
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