Martin Gänsler ist der eigentliche Macher bei dem Sportartikelhersteller
Der unbekannte Puma

Schwarzes Hemd, schwarze Hose, schwarze Schuhe. Martin Gänslers Garderobe ist nicht gerade farbenfroh. Einziger Farbtupfer im Outfit des stellvertretenden Vorstandsvorsitzenden der Puma AG: die auffällig bunten Streifen an den Rennfahrerschuhen.

HERZOGENAURACH. „Im Laden können Sie dieses Modell erst nächstes Jahr kaufen“, erklärt ein Mitarbeiter die außergewöhnliche Schuhwahl des 49-Jährigen. Es ist kein Zufall, dass der einflussreiche Entwicklungschef des Sportartikelherstellers die Kollektion des kommenden Jahres schon heute testet – auch wenn die Kombination auf den ersten Blick merkwürdig aussieht.

„Ich muss einfach wissen, wie gut unsere Neu-Entwicklungen sind. Nur wenn ich die eigenen Schuhe trage, merke ich, ob sie ordentlich gedämpft sind oder ob die Klettverschlüsse richtig sitzen“, betont Gänsler, nach Puma-Chef Jochen Zeitz die Nummer zwei im Unternehmen.

In den vergangenen zwei Jahren hat die Sportartikel-Marke mit dem Raubtier-Logo einen unvergleichlichen Siegeszug in Boutiquen, Discotheken und Büros angetreten. Das ist nicht zuletzt Gänslers Verdienst. Kein Schuh, kein T-Shirt, keine Sporthose, kurz kein Puma-Produkt, das nicht über seinen Schreibtisch wandert, bevor es in die Läden kommt.

Offenbar hat er einen guten Riecher für das, was die Kunden mögen: Im vergangenen Jahr kletterte der Umsatz um mehr als die Hälfte auf über 900 Millionen Euro. Selbst jetzt, im Krisenjahr, steigen die Einnahmen auf Rekordhöhe.

Trotz des Erfolgs gibt es aber sogar in der Branche viele Manager, die den quirligen Schwaben nicht kennen. Das hat einen einfachen Grund: Seit zehn Jahren richtet sich bei Puma alle Aufmerksamkeit auf Vorstandschef Jochen Zeitz. Schon bei dessen Amtsantritt am 1. Mai 1993 füllte der damals 30-Jährige als jüngster Chef eines börsennotierten Unternehmens in Deutschland die Zeitungsspalten. Als das fränkische Unternehmen dann Anfang des neuen Jahrtausends endgültig den Durchbruch schaffte und die Aktie wie eine Rakete emporschoss, war es wiederum Zeitz, der im Scheinwerferlicht stand.

Das schmälere die Leistung des Vize-Chefs nicht, heißt es bei Puma. „Da ist ein Team am Werk“, beschreibt ein Mitarbeiter die Chefetage des Unternehmens. Das sieht Gänsler selbst so: „Vor zehn Jahren hat eine ganz neue Generation bei Puma die Verantwortung übernommen. Wir hatten längst im Kopf, wie es gehen könnte, man hat uns zuvor nur nicht gelassen.“

Er weiß, wovon er spricht. Der gebürtige Augsburger ist seit 1981 an Bord und hat miterlebt, wie der traditionsreiche Konzern bis Anfang der neunziger Jahre heruntergewirtschaftet wurde. Heute spricht in Herzogenaurach niemand mehr von der großen Krise, die fast in die Pleite geführt hätte. Jetzt stehen die Zeichen auf Wachstum. Bauarbeiter legen letzte Hand an die neue Firmenzentrale, täglich werden zusätzliche Leute eingestellt.

„Es ist immer noch möglich, einen draufzusetzen“, gibt Gänsler als Parole aus. Er tut sein Bestes, das Versprechen selbst umzusetzen. Beispiel Motorsport: Der begeisterte Motorradfahrer hatte als Erster in der Sportartikelbranche erkannt, dass sich mit Formel-1-Ausrüstung gutes Geld verdienen lässt. Also unterschrieb er Verträge mit einigen Formel-1-Teams und brachte die typischen engen und hohen Formel-1-Stiefel auf den Markt. Der Erfolg war überwältigend, wie die vielen Nachahmer zeigen. „Hier ist es uns gelungen, einen Trend zu setzen“, ist er stolz.

Genauso erfolgreich führte er modische Elemente in die Kollektion ein – zunächst von großen Wettbewerbern wie Adidas-Salomon nur belächelt. Inzwischen ist Adidas mit einer eigenen Designer-Marke im Geschäft.

Sicher: Auch Puma verdient einen großen Teil seines Gelds noch immer mit Fußballstiefeln und Spikes. Doch der Wandel zur Lifestyle-Marke zeigt sich am besten an Gänsler selbst. Er hat zwar die Modemesse in Florenz besucht. Aber zur weltweit führenden Sportartikel-Ausstellung Ispo, die heute in München zu Ende geht, fährt Gänsler erst gar nicht hin.

Und das, obwohl er nicht weit entfernt davon wohnt. Denn von seiner Heimatstadt Augsburg hat sich der stämmige Mann nie getrennt. Der bodenständige Schwabe – seine Herkunft hört man ihm deutlich an – hält auf seinem Bauernhof am Stadtrand Hunde, Pferde und Hasen.

Für seine Tiere braucht Gänsler viel Geduld, im Job hat er sie nicht. Mitarbeiter berichten, der so gemütlich wirkende Mann stelle hohe Ansprüche. Er könne sich gut durchsetzen und sei ehrgeizig. Dass er im Gegensatz zu vielen Kollegen nicht studiert hat, gleicht Gänsler durch seine Fachkenntnis aus. „Der kennt bis runter in den Außendienst jeden“, heißt es bei Puma.

Obwohl er bisher sein ganzes Leben mit Turnschuhen und Trikots verbracht hat: Eine andere Arbeit kann sich Gänsler nicht vorstellen. „Mir war es bei Puma noch keinen Tag langweilig. Und in einem dieser hierarchischen Unternehmen könnte ich garantiert nie arbeiten.“

Joachim Hofer
Joachim Hofer
Handelsblatt / Korrespondent München
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