Martin Lipton
Der Mann mit der Giftpille

Martin Lipton gilt als Erfinder der Poison Pill („Giftpille“), einer sehr wirksamen Verteidigungsstrategie, die vor feindliche Übernahmen schützt. Lipton ist ein Meister seiner Kunst. Der 75-jährige Anwalt zählt zu den besten in den USA – heute noch.

LOS ANGELES. Feindliche Firmenübernahmen gehören in der freien Marktwirtschaft heute genauso zum Alltag wie die exorbitanten Gehälter vieler US-Firmenchefs. Gegen das ganz große Geldverdienen hat Staranwalt Martin Lipton keine Einwände. Wer hart arbeitet, der soll auch viel Geld verdienen, so der 75-jährige Wirtschaftsjurist und Mitbegründer der weltweit erfolgreichsten Anwaltskanzlei Wachtell, Lipton, Rosen & Katz aus New York City mit über 200 Top-Anwälten. Er selbst streicht im Jahr 3,7 Millionen Dollar Gehalt ein – plus Boni, berichtet das“American Lawyer Magazine“. Trotz seines Alters ist er voll im Einsatz – und kein Pensionär: Sein Name taucht laufend in den Dealmeldungen auf.

Was feindliche Firmenübernahmen angeht, ist Lipton allerdings weniger großzügig. Er gilt als Erfinder der Poison Pill („Giftpille“), einer sehr wirksamen Verteidigungsstrategie, die vor feindliche Übernahmen schützt. Die Strategie der Poison Pill wurde zum ersten Mal von Lipton, der mittlerweile mehr als 50 Jahre als Wirtschaftsjurist arbeitet, angewandt. Hinter der Strategie verbirgt sich die Taktik, die Übernahme für den Aggressor so teuer wie irgend möglich zu machen, beschreibt Lipton. Das heißt: Die Pille ist ein Aktionsplan der Aktieninhaber der angegriffenen Firma. Sie erlaubt den Aktionären, neue Wertpapiere zum Premiumpreis auszustellen. Das hat zur Folge, dass der Wert des Unternehmens in relativ kurzer Zeit enorm steigt und den Angreifer somit „aus der Bahn wirft, weil die finanzielle Kalkulation für die Übernahme plötzlich nicht mehr stimmt“, erklärt Jay Lorsch, Professor von der Harvard Universität und langjähriger Freund von Lipton.

„Marty ist ein Mann mit viel Mut. Als er die Poison Pill-Strategie in den 80er-Jahren zum ersten Mal vorstellte, gab ihm kaum einer auch nur den Hauch einer Chance, dass diese Strategie vor Gericht juristische Rückendeckung erhalten würde“, erzählt Lorsch. Es kam anders: Seit 1982 haben mehr als 2 500 Firmen mit der Lipton-Taktik feindliche Übernahmen verhindern können.

Keine Frage, Lipton ist ein Meister seiner Kunst. Aber er ist auch ein Anwalt, der Kontroversen nicht aus dem Weg geht. Obwohl er es war, der dem einstigen Disney-Manager Jeffrey Katzenberg in einem weltweit heiß diskutierten Vergleich zu einer Zusatzzahlung von 270 Millionen Dollar verhalf, zögerte Lipton keine Sekunde, als er einige Jahre später einen Anruf von seinem Gegenspieler im Katzenberg-Prozess erhielt, dem Disney-Anwalt Alan Braverman. Braverman sagt über Lipton, dass „es keinen besseren Wirtschaftsanwalt in Amerika gibt.“ Deshalb wollte er, dass Lipton Disney gegen aggressive und potenzielle Übernahmejäger verteidigt. So war etwa Comcast, ein Kabelanbieter, daran interessiert, Mickey Mouse zu kaufen, um somit zum weltweit größten Medienkonglomerat aufzusteigen.

Schon einen Tag nach dem Anruf flog Lipton von New York nach Los Angeles und traf den damals mächtigen Disney-Boss Michael Eisner. Ein prekäres Meeting, war doch Eisner derjenige, der Katzenberg gefeuert und dem Unternehmen den kostspieligen Vergleich eingebrockt hatte. Ein Verfahren übrigens, das Eisner später den Kopf als Chairman und CEO kosten sollte.

In dem Comcast-Konflikt allerdings behielt Lipton die Oberhand für Disney. Comcast scheiterte mit seinem Aktienangriff auf Disney. Lipton, der einst verhinderte, dass American Express McGraw Hill übernahm, hat über die Jahrzehnte durch seine Artikel und Argumentationen, die Landkarte der Unternehmenskultur in den USA verändert, bestätigt auch Liptons Kanzlei-Partner Michael Byowitz.

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