Martin Richenhagen
Piaffe und Pirouette

Manager, Trainer und Chef: Martin Richenhagen ist Vorstandsvorsitzender des US-Landmaschinenherstellers AGCO - in Deutschland besser bekannt unter dem Namen Fendt. Aus Liebe zum Dressursport wurde der einzige deutsche CEO eines Fortune-500-Unternehmens jetzt Equipe-Chef der deutschen Olympiamannschaft in Peking.

Unter der großen amerikanischen Flagge warten Ping Pong und Depeche. Martin Richenhagen springt aus seinem dunkelgrünen Wagen und läuft zu den beiden Pferden. Ping Pong, ein mittelgroßer Brauner, spitzt die Ohren und schnaubt freudig. Richenhagen tätschelt die Pferde am Hals und begutachtet die Hufe. "Alles sauber, wunderbar, es kann losgehen!" sagt er zu Anne und Sara, seinen beiden Reitschülerinnen.

Der Dressurplatz liegt unterhalb des Stalls: etwa halb so groß wie ein Fußballfeld, bedeckt mit einem schwarzen Gummi-Sand-Gemisch, auf dem die Hufe gut greifen. Richenhagen stellt sich in die Mitte des Platzes und lässt die Reiterinnen kreisen. "Runter mit dem Knie, lass das Bein einfach hängen, nicht so drücken. Very good, sehr schön."

Richenhagen ist nicht sehr groß, etwa 1,80 Meter, seine Figur etwas untersetzt, kein Mann mit Starauftritt. Trotzdem ist vollkommen klar, dass er auf dem Platz das Sagen hat; nicht einmal die Stimme muss er heben. Die Hände in den Taschen seiner Windjacke, dreht er sich langsam um sich selbst, während er den Ritt der beiden Frauen verfolgt. Er lässt sich auch nicht durch Stallhund Doris irritieren, der ihm plötzlich um die Beine saust.

Applewood Farm heißt der kleine Reiterhof rund 50 Kilometer nordöstlich von Atlanta im amerikanischen Bundesstaat Georgia. Richenhagen lebt und arbeitet ganz in der Nähe: Vor vier Jahren übernahm er den Vorstandsvorsitz des Landmaschinenherstellers AGCO in Duluth. In Deutschland kennt man das Unternehmen unter der Marke Fendt. In der berühmten "Fortune"-Liste der 500 größten amerikanischen Firmen steht AGCO auf Platz 421.

Der 55-Jährige ist der einzige deutsche Manager, der einen US-Konzern dieser Größe führt. Vermutlich ist er auch der einzige Manager, der sich so intensiv dem Reitsport widmet: Er gibt mehrmals wöchentlich ehrenamtlich Unterricht. Und er ist Equipechef der deutschen Olympiamannschaft der Dressurreiter in Peking.

Der Reitstall steht mitten im Wald, zwischen Kiefern, Ahorn und Glyzinien. Im Unterholz blühen weiße Hornsträucher. "Horse Xing" warnen gelbe Rauten an dem Zufahrtssträßchen. Das graue Holzgebäude ist Marke Eigenbau: Zwei Jahre haben Stallbesitzer Brad Thatcher und sein Vater gesägt, gehobelt, gehämmert und gestrichen, dann stand der zweiflügelige, fast anmutige kleine Hof.

Es gibt 19 Pferdeboxen, eine Waschbox, 8 Sattelkammern, einen kleinen Aufenthaltsraum mit Sesseln und Schreibtisch. Liebevolle Details schaffen eine warme Atmosphäre: der Farn in den Tonamphoren, die hellen Korbstühle mit leicht verblichenen Polstern, die knallroten Holztüren mit Messingknopf. Martin Richenhagen lässt in dem Reitstall die Seele baumeln: "Ich schalte hier schnell von der Arbeit ab. Wenn ich Pferde um mich habe, kann ich unmöglich darüber nachdenken, warum der Mähdrescherabsatz in Russland nicht stimmt."

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