Massenkläger-Anwälte sind eine neue Spezies, die ihren Erfolg der Presse verdankt
Erfolgreiche Akquise per Massenklage

Die Situation vor dem Frankfurter Landgericht war am Dienstag vergangener Woche unübersichtlich. Zur Eröffnung des Mammutprozesses gegen die Deutsche Telekom drängten sich nicht nur Journalisten, sondern auch etliche der rund 15 000 Kläger – allesamt Aktionäre, die auf Schadenersatz wegen des abgestürzten Aktienkurses hoffen.

HB DÜSSELDORF. Einige der Kläger-Anwälte versuchten vor Prozessbeginn verzweifelt, etwas Ordnung ins Chaos zu bringen und hielten große Schilder in die Höhe: „Mandantentreffpunkt“.

Der Telekom-Prozess ist das jüngste Beispiel für eine neue Form von Anleger-Massenprozessen. Sie haben in Deutschland Schule gemacht, seit große Investorengruppen während des Niedergangs des Neuen Markts viel Geld verloren haben. Besonders medienwirksam waren die Klagen gegen EM-TV und Infomatec – auch für die Anwälte. Die Aufmerksamkeit, die ihnen diese Skandale bescherten, nutzen Anlegeranwälte wie Andreas Tilp aus Tübingen, Klaus Rotter aus München oder Jens-Peter Gieschen aus Bremen für sich. Die Medienberichte bescherten ihnen hunderte von neuen Mandanten.

Den Juristen stehen mit dem gerade begonnenen Telekom-Prozess jetzt erstmals größere Veränderungen ins Haus. Hintergrund: Die Bundesregierung bereitet ein neues Gesetz vor, das den Ablauf von Massenklagen verändern wird.

Das Kapitalanleger-Musterverfahrensgesetz (KapMuG) soll zum Jahresbeginn in Kraft treten. Danach wird künftig bei Schadenersatzklagen wegen falscher Kapitalmarktinformationen nur noch ein Gericht, und zwar das Landgericht an dem Ort zuständig sein, an dem das beklagte Unternehmen seinen Sitz hat. Hier kann jeder Kläger ein Musterverfahren beantragen, das Gericht bestimmt dann einen zum Musterkläger. Über dessen Verfahren entscheidet es dann verbindlich für alle Kläger. Bisher gab es keine solche Möglichkeit, eine Klage mustergültig für alle Beteiligten zu verhandeln.

Mit dem neuen KapMuG sind die auf Massenklagen spezialisierten deutschen Anwälte unzufrieden. „Das Gesetz wird eine Klagewelle nicht verhindern, wie wir sie beim Telekom-Verfahren jetzt sehen“, meint Klaus Rotter, Rechtsanwalt in München und einer der Klägeranwälte im Frankfurter Prozess. Die Sorge scheint berechtigt: Laut KapMuG bekommen nur jene Geschädigten in einem Musterverfahren Schadenersatz zugesprochen, die vorher auch eine Klage eingereicht haben. Wer nicht als Kläger mit im Boot ist, geht erst einmal leer aus.

Auch die Vergütungsregelung stößt Rotter sauer auf. Denn der Anwalt des Musterklägers, der im Prozess die meiste Arbeit haben wird, soll dafür nicht besonders vergütet werden. „Da macht dann einer die Arbeit für alle anderen, wird dafür aber gar nicht bezahlt“, klagt Rotter.

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