Massimo Capuano
Der Mann mit dem Quantensprung

Massimo Capuano hat eine Vision: Seine kleine Borsa Italiana soll hinaus in die weite Welt. Nach der Fusion mit der London Stock Exchange wollte der Italiener auf den LSE-Chefsessel - und scheiterte. In der Heimat steht er nun unter Beschuss. Für den selbstbewussten Finanzprofi kein Grund für Selbstzweifel.

MAILAND. Es war ein Abendessen mit den Mitarbeitern der Börse in Italiens Finanzhauptstadt Mailand als Massimo Capuano, Chef der Mailänder Börse mit dem zerbrechlich aussehenden dünnen Hals die Dinnerrede hält: „Wir müssen einen Quantensprung machen!“, sagt der große Hagere den Speisenden, die sich überrascht anschauen. Erst später werden sie verstehen, was er meint: Die kleine Borsa Italiana soll hinaus in die weite Welt.

Sechs Jahre ist das her, und Capuano hat seinen persönlichen Quantensprung vollzogen. Zumindest zur Hälfte: Vor zwei Jahren fusionierte die Borsa Italiana mit der britischen London Stock Exchange (LSE). Eigentlich wollte er danach Clara Furse als Chef der Gruppe beerben. Doch daraus wird nun nichts: der Franzose Xavier Rolet übernimmt den Posten.

Und Capuano muss sich jetzt zu Hause anhören, er hätte die Börse verramscht. Im Unternehmen brodelt es: Die Zahl der in Mailand gelisteten Unternehmen ist um vier Prozent gesunken. Und keine italienische Gesellschaft hat sich bisher für eine Überkreuz-Quotierung an beiden Börsen entschieden. Zudem, schimpft Lamberto Cardia, Präsident der Börsenaufsicht Consob hätten die Italiener kaum noch Einfluss. Sie haben nur noch 18 Prozent der Stimmen. Das dürfte mit ein Grund sein, dass Capuano nicht Nachfolger von Furse wurde. Die Italiener stellen derzeit fünf Mitglieder des Verwaltungsrats, die Briten sieben.

Als italienische Großaktionäre sind nur noch Unicredit mit sechs Prozent und Intesa Sanpaolo mit fünf Prozent an Bord. Kleinere Banken haben ihre Beteiligungen längst verkauft. Größte Anteilseigner sind die Börsen Dubai und Katar. Und für die ist Capuano ein Fremder.

Dabei sah es in der Karriere des Managers, dem ehemalige Mitarbeiter trotz des zarten Äußeren eine enorme Willenskraft attestieren und der „Leute auf sanfte Art für seine Ideen begeistert“ gut aus.

Nach dem Studium heuert der Elektroingenieur beim Kopiergerätehersteller Rank Xerox an und entwickelte dann beim Software-Konzern IBM IT-Lösungen für Banken und Versicherer. Das fasziniert ihn und lässt ihn nicht mehr los – bis heute. Immer noch kann er sich für Handelssysteme und Börsen-Plattformen bis ins kleinste Detail begeistern. Aber erst der Wechsel zu McKinsey ebnet ihm den Weg in denVorstand der Borsa Italiana.. Die Unternehmensberatung gilt in Italien als Kaderschmiede der Top-Manager.

Nach seinem Amtsantritt 1998 modernisiert die Börse, stellt den Handel auf Computer um und spielt bei Weihnachtsfeiern schon mal die Red Hot Chili Peppers , weil die Musik seinen Töchtern gefällt und das Unternehmen „ auf der Höhe der Zeit“ bleiben müsse. Mit Frankfurt und Paris verhandelt er über eine Fusion und will doch die ganze Zeit am liebsten die Briten ins Boot holen. Das gelingt dem Anglophilen zwar, nur seinem persönlichem Ziel kommt er damit nicht näher. Nun hofft er aufs nächste Mal, sagen Beobachter. Anmerken würde man dem als reserviert geltenden Mann die Enttäuschung nicht, sagen sie.

Doch derzeit hat der Manager mit dem „großen Ego“ ganz andere Probleme: Er muss Leute entlassen, sieben Prozent sollen es in Mailand sein, acht bis zehn in London – auch das ist Teil seines Quantensprungs, dem die Mitarbeiter wohl nicht hinterherhüpfen wollen.

Katharina Kort
Katharina Kort
Handelsblatt / Korrespondentin
Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%