Mechatronik
Bitterer Nachgeschmack

Vor zwei Jahren erwarb Sartorius den französischen Biotech-Spezialisten Stedim - für zu viel Geld, wie Kritiker heute sagen. Die Anleger straften das Unternehmen für den Deal ab. Sartorius-Chef Joachim Kreuzburg kämpft immer noch mit den Folgen des umstrittenen Deals und muss um Vertrauen werben.

GÖTTINGEN. Modern und weltläufig wirkt der Glasbau im Göttinger Industriegebiet an der Autobahn A7, Sitz des Sartorius College. Die repräsentative Einrichtung zur Fortbildung von Kunden und Mitarbeitern hat der statusbewusste frühere Sartorius-Chef Utz Claassen dem Unternehmen Anfang des Jahrzehnts beschert. Parallel baute der südniedersächsische Spezialist für Filter und Feinwaagen - neudeutsch Biotech und Mechatronik - nebenan ein neues Reinraum-Werk zur Produktion von Membranen für die Herstellung von Biotech-Medikamenten.

Claassens eher unprätentiöser Nachfolger Joachim Kreuzburg, seit sechs Jahren an der Spitze von Sartorius, mischt sich unauffällig unter die Mitarbeiter in der lichten Kantine des College im Erdgeschoss. Hemdsärmelig steht der drahtige Manager, der privat gern läuft, in der Schlange. Kreuzburg wirkt stärker im Stillen, dafür umso effizienter. In Personalunion führt er Sartorius mit 4 600 Mitarbeitern, das Finanzressort und die Biotech-Tochter, die gut zwei Drittel des Ergebnisses erwirtschaftet. Zu viel Macht in einer Hand, sagen Kritiker. "Das hört sich wilder an, als es ist", entgegnet Kreuzburg.

Bislang ging die Rechnung auf: Im vergangenen Jahr schaffte das börsennotierte Unternehmen bei einem Umsatz von 612 Mio. Euro ein Ergebnis (Ebitda) von 80 Mio. Euro. Bevor der schillernde Claassen Göttingen im Jahr 2003 verließ, um in Karlsruhe den Energieversorger EnBW zu übernehmen, hinterließ er für das Jahr 2002 rund 480 Mio. Euro Umsatz und ein Ergebnis (Ebitda) von 36 Mio. Euro. Nach einer Einkaufstour lag die Nettoverschuldung bei 133 Mio. Euro. Zahlenmann Kreuzburg musste Sartorius restrukturieren und fuhr die Schulden auf 54 Mio. Euro im Jahr 2006 herunter.

Dann ging er selbst einkaufen: Für zu viel Geld, wie Kritiker heute angesichts der Finanzkrise sagen, erwarb Sartorius im Juni 2007 den französischen Biotech-Spezialisten Stedim. Die Schulden der Göttinger stiegen auf mehr als 200 Mio. Euro. Für Kreuzburg "kein Thema": Sartorius habe Kredite bis 2013 "zu guten Konditionen abgeschlossen". Das Unternehmen werde in diesem Jahr maximal zwölf Mio. Euro an Zinsen zahlen. Das sei zu verkraften.

Doch die Anleger straften Sartorius für den Deal ab: Die Vorzugsaktie - den Großteil der Stämme verwaltet ein Testamentsvollstrecker - notierte vor zwei Jahren auf dem Allzeithoch von 47 Euro. Heute liegt sie trotz wochenlangen Anstiegs nur knapp über zehn Euro. Kreuzburg muss um Vertrauen werben. Die Mehrzahl der Analysten ist sich nach schwachen Quartalszahlen in der verlustbringenden Mechatronik einig, was die Aktie angeht: verkaufen.

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