Merckle
Der letzte Ausweg aus der Krise

Der Tod des schwäbischen Unternehmers Adolf Merckle steht in einer Reihe von Selbstmorden im Zusammenhang mit der Finanzkrise. Manager, Finanzberater und Banker, deren Lebenswerk zerbrach, wissen oft keinen anderen Ausweg mehr. Ein Hintergrund.

DÜSSELDORF. Es ist der Montag vor Weihnachten, gegen sieben Uhr abends, als sich René-Thierry Magon de la Villehuchet in seinem New Yorker Büro einschließt. Den Reinigungsleuten hatte der Hedgefonds-Manager zuvor noch gesagt, sie sollten sich beeilen, er würde heute länger arbeiten. Um vier Uhr morgens ruft der 65-jährige Franzose aufgeregt einen alten Kunden in Paris an. "Ich muss für meine Klienten und für mich selbst kämpfen", sagt der Anrufer laut "New York Times". Er fühle sich wie ein Betrüger. "Es ist ein kompletter Alptraum".

Gut 24 Stunden später finden Sicherheitsleute de la Villehuchet tot in seinem Sessel. Er hat sich die Pulsadern aufgeschnitten. Die Fondsgesellschaft des gebürtigen Bretonen und leidenschaftlichen Seglers, Acces International, hatte 1,4 Mrd. Dollar an Kundeneinlagen bei Bernard Madoff angelegt, dem vermutlich größten Betrüger der Finanzgeschichte. Das Geld war weg, und de la Villehuchet wusste offenbar keinen Ausweg mehr. "Er war völlig ruiniert", sagte sein Bruder Bertrand.

Der Tod des Franzosen steht in einer Reihe von tragischen Schicksalen von Finanzmanagern und Unternehmern, die im Zuge der Finanzkrise den Freitod wählten. Erst am 5. Januar hatte sich der schwäbische Milliardär Adolf Merckle vor einen Zug geworfen. Er konnte es offenbar nicht verwinden, dass sein Lebenswerk, seine riesige Firmengruppe (Ratiopharm, HeidelbergCement, Kässbohrer und andere), zerschlagen werden sollte. Merckles Familie teilte mit, dass die Folgen der Finanzkrise "den leidenschaftlichen Unternehmer gebrochen" hätten. Am selben Tag, 7000 Kilometer entfernt, erschoss sich Steven L. Good in seinem Jaguar. Der Immobilienmakler aus Chicago hatte zuvor angesichts des zusammengebrochenen Marktes einen düsteren Ausblick auf die Entwicklung der Branche gegeben.

Einen Tag vor Heiligabend beging Joël Gamelin, Gründer und Chef der gleichnamigen französischen Werft, Selbstmord. Seine Firma musste Konkurs anmelden, nachdem der Absatz eingebrochen war und wegen der Kreditkrise dringend benötigtes Geld ausblieb. Er starb im Alter von 55 Jahren. Im selben Monat erhängte sich Christen Schnor, Manager bei der britischen Großbank HSBC, in einem Londoner Luxushotel. Auch Alex Widmer, Chef der Schweizer Bank Julius Bär, nahm sich im Dezember das Leben. Im September sprang Kirk Stephenson, Topmanager bei der Private-Equity-Firma Olivant, nahe London vor einen Zug. Olivant hatte zuvor rund 250 Mio. Euro mit Aktien der Schweizer Großbank UBS verloren.

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