Merckle und die Banken
Merckle: Absturz nach dem Höhenrausch

Adolf Merckle, der einstige Vorzeigeunternehmer, steht mit dem Rücken zur Wand. Aber noch hat der 74-Jährige nicht aufgegeben. Wie er sein Lebenswerk retten will.

BLAUBEUREN. Eine schmale, steile Straße führt den Berg hinauf, vorbei an schmucklosen zweistöckigen Mietshäusern aus den 20er-Jahren. „Entstanden in schwerer Zeit, als Armut und Bedrängnis im Vaterland herrschte“, steht auf einer beigefarbenen Marmorplatte an einem der Gebäude.

Dahinter einige Einfamilienhäuser. Dass sie aus besseren Zeiten stammen, lässt sich nur erahnen. So schlicht und unauffällig kommen sie daher, einige ducken sich hinter hohen Hecken.

„A. Merckle“ steht auf einem leicht verschmutzten Klingelschild an einem der Häuser oben an der Straße. Stünde dieser Name dort nicht, würde niemand darauf kommen, dass hier in Blaubeuren mitten in der schwäbischen Provinz einer der reichsten Deutschen wohnt. Im Ort selbst weiß freilich jeder, wo „de' Merckle“ wohnt.

Adolf Merckle zieht sich gerne in diese bürgerliche Normalität zurück. „Wir sind lieber unter den normalen Leuten, nicht unter den Großkopferten“, soll er mal gesagt haben. So wirkt auch sein Haus. Nichts fällt hier aus dem Rahmen. Alles sieht äußerst überschaubar und durchschnittlich aus. Doch der Eindruck täuscht. Der Bau ist verschachtelt und eine zweite Etage tief in den Hang gebaut. Nur wer das Grundstück umrundet, dem offenbart sich, wie groß und verwinkelt das Gebäude ist.

Das Haus passt zu dem Bewohner – zu Adolf Merckle, dem Unternehmer, der sich in den vergangenen Jahrzehnten ein imposantes Firmenimperium aufgebaut hat mit insgesamt 100 000 Mitarbeitern und einem Jahresumsatz von zuletzt 35 Milliarden Euro. Von vielen wenig beachtet und im Stillen ist die Merckle-Gruppe kontinuierlich gewachsen. Es sei besser, „andere reden und repräsentieren zu lassen, um selbst in Ruhe zu arbeiten“, umschrieb der Macher seine Devise. Das Ergebnis ist ein verschachteltes und undurchsichtiges Konglomerat.

Aber zumindest erschien es grundsolide. Noch vor einem halben Jahr schätzte das US-amerikanische Magazin „Forbes“ das Vermögen der Unternehmerfamilie auf mehr als neun Milliarden Euro.

Doch in diesen Tagen erschüttert ein Beben Merckles Reich. Die Fundamente wackeln gewaltig. Und noch ist nicht ganz klar, wie der 74-jährige Mann und sein Imperium dieses Beben überstehen werden.

Merckle hat sich mit seinem Engagement bei Deutschlands größtem Baustoffkonzern Heidelberg Cement und gewagten Spekulationsgeschäften verhoben. Der Mann, der sich gerne als bodenständiger und bescheidener Kaufmann sah, steht jetzt da wie ein Zocker. Der schwäbische Vorzeigeunternehmer mit den guten alten Wertvorstellungen sieht aus wie einer, der sein Lebenswerk leichtsinnig aufs Spiel setzte. Der Patriarch, der einst seine Mitarbeiter mit dem Satz „Geld ist immer genug da“ zu neuen Ideen anspornte, braucht dringend Kapital. Von 700 Millionen bis zu einer Milliarde Euro ist die Rede, um die Gläubiger seiner wichtigsten Holdinggesellschaft, der VEW Vermögensverwaltung, zu beruhigen.

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