Merrill Lynch
John Thain: Der Geprügelte knickt ein

Hätte es diesen ärgerlichen Pressebericht nicht gegeben, John Thain wäre gestern allseits gelobt worden. Immerhin verzichtet der Chef von Merrill Lynch freiwillig auf seinen Millionen-Bonus, wie es die Ex-Investmentbank am Montagabend in einer Mitteilung formulierte. Doch für Anerkennung war es da schon zu spät: Über Thain, 53, war ein Wutgeschrei hereingebrochen, wie er es noch nie erlebt haben dürfte.

NEW YORK. Das "Wall Street Journal" hatte am Montagmorgen die Amerikaner mit der Meldung schockiert, dass Thain, der erst seit gut einem Jahr an der Merrill-Spitze steht, einen Jahresbonus von bis zu zehn Mio. Dollar verlange. Er habe das Insitut schließlich im September durch den Verkauf an die Bank of America (BoA) vor dem Untergang bewahrt. "Schockierend", schäumte daraufhin der New Yorker Bezirksstaatsanwalt Andrew Cuomo, die Zeitungen waren voller Häme. Immerhin haben BoA und Merrill Geld aus dem Bankenrettungsfonds Tarp bekommen. Und Thain erhält ohnehin 5,3 Mio. Dollar, zusätzlich zu den 15 Mio. als Handgeld Ende 2007.

Nun also kein Bonus für Thain und drei weitere Vorstände. So hat es das Vergütungs-Komitee am Montagabend entscheiden, nach "anfänglichem Widerstand" des Vorstandschefs, wie es hieß. Damit gesellt sich Merrill in die Reihe anderer Institute, die auf die sonst oft Schwindel erregenden Ausschüttungen für die Vorstände verzichten: Ob Deutsche Bank, Goldman Sachs, Crédit Suisse, AIG oder gestern erst Morgan Stanley - Boni in Zeiten der Finanzkrise kommen schlecht an.

Für Thain ist das eine der ersten großen Niederlagen überhaupt. Er gilt eigentlich als jemand, der in das Klischee vom raffgierigen und luxusverwöhnten Wall-Street-Banker nicht recht passen mag. Der als spröde geltende Manager mit zwei Abschlüssen von den Elite-Schmieden Harvard und Massachusetts Insitute of Technology hat vielmehr den Ruf, bescheiden, detailversessen und diplomatisch aufzutreten.

So hat er auch bisher eine Karriere aus dem Bilderbuch hingelegt. Der zweifache Vater, der in einer Villa am Stadtrand von New York lebt, war mehr als 20 Jahre bei Goldman Sachs, zuletzt als COO und Intimus des damaligen Chefs und heutigen Finanzministers Henry Paulson. Seine bisher erfolgreichste Zeit hatte Thain bei der New Yorker Börse, deren Chef er 2004 wurde. Nicht nur schaffte er es, die traditionsreiche NYSE gegen große Widerstände zu modernisieren und selbst an die Börse zu bringen. Im Jahr 2006 schnappte er der Deutschen Börse auch noch den Vierländer-Handelsplatz Euronext vor der Nase weg.

Im Dezember 2007 wurde er dann an die Spitze von Merrill Lynch berufen und bewahrte die damalige Bank vor einem ähnlichen Schicksal wie Lehman Brothers. Ob er die verglichen mit früheren Boni bei anderen Banken bescheiden wirkenden zehn Mio. Dollar deshalb wert ist? "Thain ist wahrscheinlich einer der wenigen US-Manager, die im Moment einen Bonus verdienen", schreibt der Wall-Street-Kolumnist James Surowiecki im "New Yorker". Die Öffentlichkeit sieht das anders.

Nils Rüdel
Nils Rüdel
Handelsblatt / Deskchef Politik
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