Michael Kemmer
Hoffnungsträger auf Abruf?

Eine Klage könnte den Chef des Bankenverbands nicht nur Geld, sondern auch die Karriere kosten. Grund ist der missglückte Kauf der österreichischen Hypo-Alpe-Adria-Gruppe, an dem Kemmer, damals noch bei der BayernLB, mitverantwortlich war.

DÜSSELDORF/FRANKFURT. Als der Alte vergangene Woche noch einmal hochleben durfte, stand der Neue unter den Zuhörern: Michael Kemmer. Schlaksig und zwei Meter groß, überragte der Bayer wie gewohnt die Menge, die sich auf Einladung des Bankenverbandes im "Hamburger Bahnhof" in Berlin versammelt hatte.

Die lobenden Worte oben auf der Bühne galten nicht ihm, sondern seinem Vorgänger, dem ehemaligen Hauptgeschäftsführer Manfred Weber. Die Hoffnungen allerdings richteten sich auf den Mann unten - auf Michael Kemmer. Ob ihm die Zeit bleibt, sie einzulösen, ist seit gestern alles andere als sicher.

Sein früherer Arbeitgeber, die BayernLB, will Kemmer gemeinsam mit anderen ehemaligen Vorstandsmitgliedern auf Schadensersatz wegen des missglückten Kaufs der österreichischen Hypo-Alpe-Adria-Gruppe verklagen. 200 Millionen Euro will der Verwaltungsrat der Landesbank so zurückerhalten - fast Kleinkram im Vergleich zu den Milliarden, die das Österreich-Abenteuer verschlungen hat.

Laut einem internen Prüfbericht der BayernLB hatten die Bayern die Hypo Group Alpe Adria "übereilt" und zu einem "überhöhten" Preis gekauft. Weiter heißt es, es sei "fraglich, ob die beteiligten ihren Sorgfaltspflichten gerecht wurden".

Kemmer gehört als ehemaliger Finanz- und späterer Vorstandschef zum Kreis der Mitverantwortlichen. Für ihn geht es dabei nicht nur ums Geld, sondern um die Karriere. Und für die Branche um ihre Reputation und den Zusammenhalt.

Gerade erst hat er als Hauptgeschäftsführer beim Bankenverband (BdB) angeheuert. Der 53-Jährige aus dem bayerischen Nördlingen hat bei der Bayerischen Vereinsbank das Geschäft von der Pike auf gelernt. Vor seiner Zeit als BayernLB-Chef leitete er zweieinhalb Jahre lang das Risikomanagement der Münchener HVB und gilt als ausgesprochener Bilanzexperte. Zwar betonte der Verband auch gestern, dass er trotz der drohenden Schadensersatzklage zu seinem Spitzenmann steht. Dennoch ist die Berufung des Bankmanagers nicht mehr unumstritten. "Es ist einigermaßen instinktlos, so ein Signal zu setzen", hatte Michael Aßländer, Vorstand des Deutschen Netzwerks Wirtschaftsethik, schon vor Wochen im Handelsblatt kritisiert.

Drohende Klage schwächt Verband.

Die drohende Klage gegen Kemmer schwächt den Branchenverband, der seit langem mit hausgemachten Problemen kämpft. Seit Ausbruch der Finanzkrise Mitte 2007 sind die Interessen der gut 220 BdB-Mitglieder auseinandergedriftet, was eine einheitliche Interessenvertretung erschwert. Die Krise im Verband wurde nicht zuletzt dadurch ausgelöst, dass mit der Commerzbank der größte Beitragszahler teilverstaatlicht werden musste, um den Kollaps der Bank zu verhindern. Mit der Teilverstaatlichung löste sich aber auch die Legitimation der großen Privatbanken in Luft auf, Sparkassen und Landesbanken frontal anzugreifen.

Die großen Mitgliedshäuser sehen das mit Sorge - und rüsten deswegen selber auf: Seit zwei Jahren bauen Commerzbank, Deutsche Bank und die Hypo-Vereinsbank ihre eigenen Repräsentanzen in Berlin aus, um selbst besser auf die politischen Entscheidungsträger einzuwirken. Mit begrenztem Erfolg: Tatsache ist, dass weder der BdB noch einzelne Großbanken die unter Experten als unsinnig erachtete Bankenabgabe verhindern konnten.

Der Einzige, der diese Entwicklung wirksam aufhalten könnte, ist der Präsident des Bankenverbandes Andreas Schmitz, im Hauptberuf Chef der Regionalbank HSBC Trinkaus. Doch Schmitz, der gerade erst beginnt, öffentlich an Statur zu gewinnen, ist nur ein Präsident auf Zeit. Er tritt bereits im nächsten Jahr turnusgemäß wieder ab. Alle Versuche, ihn zum Weitermachen zu überreden, sind bislang ohne Ergebnis geblieben.

Oliver Stock
Oliver Stock
Handelsblatt / Stellvertretender Chefredakteur
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