Michael Militzer
Der Kampf eines Mittelständlers gegen Ford

Klein gegen groß, David gegen Goliath. Der Mittelständler Michael Militzer legt sich mit dem großen Autobauer Ford an. Und trotz so manchen Nackenschlages lässt er nicht locker.

MEININGEN. Ein paar Minuten, ehe Michael Militzer zu seinem Prozess erscheint, führen zwei Polizisten einen jungen Mann in Handschellen ins Landgericht Meiningen. Handschellen würde Militzer wohl auch gerne jemandem verpassen, am liebsten der ganzen Ford Motor Company in Detroit, Michigan. Denn die, findet er, habe ihn betrogen. Deshalb hat er geklagt, gestern begann der Prozess.

Im fernen Frankfurt auf der Internationalen Automobilmesse betet seine Branche gerade kollektiv das Ende der großen Autokrise herbei. Im kleinen Meiningen in Thüringen riskiert Militzer neue Krisen für seine Mitec Enginetech GmbH in Eisenach, weil er, der David, einen Stein gegen seinen Ex-Arbeitgeber Ford schleudert, den Goliath. Nicht viele Zulieferer trauen sich so etwas, schon gar nicht Familienunternehmer wie Militzer - zu sehr hängt ihr Überleben von Ford, BMW, VW & Co. ab. In der Blechbranche sind Aufmüpfige nicht gut gelitten.

Michael Militzer klagt dennoch, seine Wut ist einfach zu groß. Sie begann Anfang 2007 mit einer E-Mail. In der teilt ihm Ford mit, man brauche die Masseausgleichssysteme, die Mitec produzierte, nicht mehr. Ab sofort. Solche "Balancer" reduzieren die Schwingungen im Motorraum eines Autos. Militzer ist der Pionier dieser Technik, die heute bei fast allen Autos Standard ist, Mitec gilt als Weltmarktführer. Eigentlich lief Militzers Vertrag mit Ford noch bis 2009. Er hatte 2001 für diesen Vertrag extra ein neues Werk gebaut und es auf Wunsch von Ford 2004 noch um die Hälfte erweitert. Umsatz pro Jahr: etwa 35 Millionen Euro. 2008 schrieb seine Mitec AG einen Gesamtumsatz von 160 Millionen Euro. Er beschäftigt in der Region Eisenach etwa 900 Mitarbeiter.

Militzer überraschte das Storno von Ford nicht. Ihm war zu Ohren gekommen, dass Ford insgeheim weltweit nach einem anderen Lieferanten für "Balancer" suchte. Wegen des schwachen Dollar-Kurses wurde den Amerikanern Mitec zu teuer. Militzer bot Kostensenkungen an, zwei Millionen Euro pro Jahr hätten die gebracht, sagt er. Aber zwei Jahre lang lehnte Ford alle Vorschläge ab. Als die E-Mail eintraf, ahnte er, wer der neue Lieferant sein würde: Linamar in Mexiko. Militzer beziffert seinen Schaden auf 20 Millionen Euro.

Michael Militzer, 61, ist einer der wenigen, die nach der Wende in den neuen Bundesländern von null auf einen kleinen Industriekonzern schufen. Basis war der elterliche Betrieb für Rolltreppengetriebe im hessischen Cornberg. Anfang 1990 heuerte Militzer Ingenieure der Automobilwerke Eisenach an, die seit Mitte der 50er-Jahre in der DDR den Wartburg gebaut hatten. Heute produziert Mitec für fast alle großen Autobauer Balancer, Getriebe und andere Bauteile. Militzer, der immer eine Marlboro-Schachtel in Reichweite hat, ist auch Präsident des Zuliefererverbandes Automotive Thüringen und saß einst neben Dax-Bossen wie Heinrich von Pierer im Innovationsrat von Kanzlerin Angela Merkel.

Vor Gericht geht es Militzer auch um Grundsätzliches. Mache so ein Geschäftsgebahren wie das von Ford Schule, sagt er, werde die Marktwirtschaft erschüttert. "Ich habe lange überlegt, ob ich dagegen vorgehe", sagt er, "aber auch die Gefahr, in Sippenhaft genommen zu werden, ist mir egal: Ich lasse mir nicht 20 Jahre Aufbau Ost durch ein solches Verhalten zerschießen."

Ford hat nur einen Anwalt nach Meiningen geschickt. Der sagt, der US-Konzern bestreite, mit Militzer jemals einen Liefervertrag über 2006 hinaus geschlossen zu haben. Zudem sei das deutsche Gericht nicht zuständig, es müsse in Michigan verhandelt werden. Der Richter drängt auf einen Vergleich. Der Ford-Anwalt deutet an, etwa 800 000 Euro Entschädigung zahlen zu wollen.

"Indiskutabel!" japst Militzer, "lä-cherlich!" Sein Anwalt zupft ihn mehrfach am Ärmel, um ihn zu beruhigen. Am 14. Januar wird er wieder hier sein - zur Beweisaufnahme.

Quelle: Pablo Castagnola
Christoph Neßhöver
Handelsblatt / Chefreporter
Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%