Middelhoff-Prozess
„Er hat eigentlich immer gearbeitet, immer, immer“

Cornelie Middelhoff meidet eigentlich die Öffentlichkeit. Doch als Zeugin im Essener Untreue-Prozess stärkt sie ihrem Mann den Rücken und schildert ausgiebig seine hohe Arbeitsbelastung.
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EssenEine Villa in St. Tropez, eine Jacht und Flüge im Privatjet: Das Leben von Thomas Middelhoff in seiner Zeit als Chef des Karstadt-Mutterkonzerns Arcandor hatte unzweifelhaft seine glamourösen Seiten. Doch seine Ehefrau Cornelie Middelhoff schilderte am Mittwoch als Zeugin im Essener Untreue-Prozesse die andere Seite des Managerlebens: „Er hat eigentlich immer gearbeitet, immer, immer“, sagte Cornelie Middelhoff - auch an Wochenenden und bei gemeinsamen Ferienreisen. Manchmal sei er nur zum Essen aus seinem Arbeitszimmer herausgekommen. Die Familie habe zurückstehen müssen.

Es habe öfter Diskussionen gegeben, warum immer die Firma Vorrang habe, erzählt sie. Aber geändert habe das nichts. „Er hat immer gesagt, dass so viele Arbeitsplätze davon abhängen. Das habe ich eingesehen“, sagte die Manager-Gattin. Auch fest geplante Urlaubsreisen mit der Familie habe ihr Mann wegen aktueller Krisen im Unternehmen mehrfach unterbrechen oder ganz absagen müssen. Einmal habe sie bei einem Hurrikan allein mit fünf Kindern in Florida gesessen, weil er seine Teilnahme an dem Urlaub kurzfristig habe canceln müssen.

Middelhoff wirkt angespannt während der Aussage seiner Frau. Die Arme hat er vor der Brust verschränkt. Das sonst demonstrativ zur Schau getragene selbstbewusste Lächeln ist aus seinem Gesicht verschwunden. Seine Züge sind starr, fast maskenhaft. Es ist im anzusehen, dass es ihm unangenehm ist, dass seine sonst die Öffentlichkeit meidende Frau als Zeugin vor Gericht aussagen muss. Doch war es ein Vorschlag seiner Verteidiger.

So widerspricht Cornelie Middelhoff vehement der Einschätzung der Staatsanwaltschaft, zwei Vorstandswochenenden von Arcandor-Topmanagern im Haus der Middelhoffs in St. Tropez seien eigentlich Privatveranstaltungen gewesen, die von dem Manager und nicht von Arcandor hätten bezahlt werden müssen. Das seien in ihren Augen eindeutig Geschäftstermine gewesen, sagt die Zeugin. Fast alle Gespräche hätten sich nur um die Firma gedreht.

Flüge im Privatjet seien für den Manager ohnehin kein Luxus gewesen - im Gegenteil, er habe vom Start bis zur Landung gearbeitet, selbst wenn die eigenen Familie mit an Bord gewesen sei. Auch in anderen Punkten stützt sie die Darstellung ihres Mannes.

Im Essener Untreue-Prozess wirft die Anklage Middelhoff vor, den inzwischen insolventen Handelskonzern insgesamt mit betriebsfremden Kosten in Höhe von rund 1,1 Millionen Euro belastet zu haben. Hauptsächlich geht es um Flüge mit Charterflugzeugen, die von Arcandor bezahlt wurden, nach Auffassung der Anklagebehörde aber ganz oder teilweise privat veranlasst waren. Middelhoff weist die Vorwürfe entschieden zurück.

Der Prozess dauert bereits seit fünf Monaten an. Doch nähert er sich jetzt offenbar dem Ende. Denn nach der Vernehmung von Frau Middelhoff forderte der Vorsitzende Richter der 15. Wirtschaftsstrafkammer, Jörg Schmitt, Staatsanwaltschaft und Verteidigung auf, sich darauf vorzubereiten, „jederzeit plädieren zu können“. Aus Sicht der Kammer könne es nun mit dem Verfahren zügig zu Ende gehen.

dpa 
dpa Deutsche Presse-Agentur GmbH / Nachrichtenagentur

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  • Griechen haben angeblich auch immer gearbeitet...

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