Middelhoff-Prozess in Essen
„Ich sah mich nie als Controllerin des Chefs“

Die frühere Sekretärin des ehemaligen Arcandor-Chefs sagte am Dienstag vor Gericht aus. Der Inhalt dürfte Thomas Middelhoff nicht gefallen haben: Der 61-Jährige war im Konzern offenbar der Hauptnutzer von Privatjets.
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EssenBeim ehemaligen Karstadt-Mutterkonzern Arcandor hat nach Angaben einer Vorstandssekretärin hauptsächlich der frühere Konzernchef Thomas Middelhoff Privatjets genutzt. Andere Manager des Konzerns hätten nur in seltenen Ausnahmefällen auf die teuren Charterflieger zurückgegriffen, sagte die ehemalige Sekretärin des Managers am Dienstag im Untreue-Prozess vor dem Landgericht Essen. Allerdings habe auch Middelhoffs Vorvorgänger Wolfgang Urban schon Privatflieger genutzt.

Die 50-Jährige betonte in ihrer vierstündigen Vernehmung, bereits vor der Buchung sei dabei abgeklärt worden, ob es ein privater oder ein dienstlicher Flug war, um die Kosten entsprechend zuordnen zu können. „Wenn es nur den Hauch eines Zweifels gab, habe ich es natürlich abgeklärt“, sagte sie. Letztlich habe die Entscheidung, ob ein Flug Arcandor in Rechnung gestellt oder vom Konzernchef selbst bezahlt wurde, Middelhoff getroffen. „Ich habe mich nie als Controllerin meines Chefs gesehen“, sagte die Sekretärin. Seine Entscheidung habe sie als „gottgegeben“ hingenommen.

Middelhoff hatte in einer Erklärung vor Gericht betont, dass es bei der „Zuordnung von 610 Flügen keinen einzigen Fall gab, bei dem meine Sekretärin oder ich unterschiedlicher Meinung gewesen wären“.

Die Staatsanwaltschaft Bochum wirft Middelhoff vor, den inzwischen pleitegegangenen Handelskonzern mit betriebsfremden Kosten in Höhe von rund 1,1 Millionen Euro belastet zu haben. Hauptsächlich geht es dabei um Flüge mit Charterflugzeugen und Hubschraubern, die von Arcandor bezahlt wurden, nach Auffassung der Anklagebehörde aber ganz oder teilweise privat veranlasst waren. Middelhoff weist die Vorwürfe entschieden zurück.

Widersprüchliche Informationen gab es am Dienstag weiterhin zu dem offenbar gegen Middelhoff beantragten Haftbefehl. Middelhoff selbst bekräftigte, das Thema sei vom Tisch, nachdem sich seine Managerversicherung mit dem Arcandor-Insolvenzverwalter geeinigt habe. Ein Sprecher des Insolvenzverwalters erklärte dagegen, nach wie vor liege keine belastbare Zusage der Versicherung vor. Deshalb gebe es auch beim Thema Haftbefehl keine Veränderung.

Nach einem Bericht des „Spiegel“ vom Freitag hatte eine Gerichtsvollzieherin Haftbefehl gegen Middelhoff beantragt, um ihn im Zusammenhang mit Zahlungsforderungen des Insolvenzverwalters zur Offenlegung seiner Vermögensverhältnisse zu zwingen.

dpa 
dpa Deutsche Presse-Agentur GmbH / Nachrichtenagentur

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  • Es wird höchste Zeit, dass diesem Treiben mittels Statuierung eines öffentlichkeitswirksamen Exempels endlich Einhalt geboten wird. Vielleicht gibt es ja anderen sog. TOP-Managern zu denken, wenn der gute Mann für ein Weilchen gesiebte Luft atmen darf. Leider ist er bei Leibe kein Einzelfall. Ich habe selbst erlebt, wie sich Geschäftsleiter am Unternehmensvermögen bedienen und das bei Spitzengehältern und unanständig hohen Tantiemen. Den Arbeitnehmern wird derweil regelmäßig vorgejammert, für Gehaltsverbesserungen sei angesichts des schwierigen Marktumfeldes kein Raum. Einfach nur widerlich unmoralisch. Da wurden z.B. Privatveranstaltungen mit hunderten von Teilnehmern als betrieblich abgerechnet oder persönliche "Betreuungen" in Luxushotels als Verpflegungskosten. Ganz zu schweigen von den zahllosen Fällen, in denen Mitarbeiter regelmäßig für private Zwecke der Vorstände eingespannt werden. Auch das ist Untreue. Die internen Revisionsabteilungen der betroffenen Unternehmen haben selten den Mumm, diese Missstände zu beanstanden. Verständlich, da die Mitarbeiter im Regelfall auf ihren Job angewiesen sind. Von Seiten der Aufsichtsorgane gebietet auch in den seltensten Fällen jemand Einhalt, zumindest nicht, so lange das Unternehmsergebnis noch den Erwartungen entspricht.

  • Was für'n schmieriger Typ. Niete in Nadelstreifen trifft den Nagel auf den Kopf!

  • Der Mann ist wirklich eine echte "Niete in Nadelstreifen".
    Irgendwie sehen Visagen alle ähnlich aus.

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