Milliarden für kriselnde Unternehmen
Kreml greift Oligarchen unter die Arme

Der russische Staat hat damit begonnen, den in der Krise am stärksten in Schieflage geratenen Oligarchen und Unternehmen aus der Klemme zu helfen. Die staatliche Vneshekonombank stellte nun mit knapp zehn Mrd. Dollar die erste Tranche aus dem Rettungspaket zur Verfügung, das rund 50 Mrd. Dollar für diesen Zweck vorsieht.

FRANKFURT. Wie in Moskauer Finanzkreisen erwartet, kam das Gros der Summe dem Eigentümer des Alukonzerns Rusal, Oleg Deripaska, zu Gute. Er braucht die 4,5 Mrd. Dollar, um einen Kredit für den Einstieg beim weltgrößten Nickel-Produzenten Norilsk Nickel zu refinanzieren. Das Ende der dafür vereinbarten Frist war immer näher gerückt und damit das Risiko gestiegen, dass der Multimilliardär in Liquiditätsnöten die Norilsk-Anteile an die Banken abtreten muss.

Deripaskas Holding Basic Element macht sich zudem weiter Hoffnung: Nach Angaben eines Sprechers erwarte man in naher Zukunft größere Aufträge für staatliche Infrastrukturprojekte. Der russische Bausektor ist eine der Branchen, die bisher am stärksten von den Auswirkungen der Krise getroffen ist.

Die staatliche Vneshekonombank (VEB) wollte keine Angaben darüber machen, welchen Unternehmen sie hilft. Russischen Medienberichten zu Folge handelt es sich aber neben Rusal um den nach wie vor wegen der Übernahme des zerschlagenen Ölkonzerns Yukos stark verschuldeten Ölförderer Rosneft, den Immobilienentwickler PIK Group, Supermarktbetreiber X5 sowie die russische Eisenbahn.

Auch ein weiterer im Westen bekannter Name zählt demnach zu den Profiteuren: Die Alfa Gruppe des Oligarchen Michail Fridman, der vor allem wegen seiner Rolle im Aktionärsstreit beim britisch-russischen Ölkonzern TNK-BP ins Zwielicht geraten war. Er braucht dringend rund zwei Mrd. Dollar, um einen Kredit bei der Deutschen Bank zu refinanzieren, der mit einem Aktienpaket von 44 Prozent am russischen Mobilfunkanbieter Vimpelcom gesichert ist.

In Branchenkreisen hieß es, es handele sich um einen ganz gewöhnlichen "Margin-Call": Die Deutsche Bank habe die Aktien als Sicherheit für einen 1,5 Mrd. Dollar schweren Kredit an Alfa erhalten. Durch die drastischen Kurseinbrüche in Russland in den vergangenen Wochen hätten die Titel jedoch kräftig an Wert verloren. "Jetzt besteht eine Nachschusspflicht", sagte ein Insider. Die Deutsche Bank lehnte eine Stellungnahme zu den Vorgängen ab. Alfas Telekomtochter Altimo hatte in der vergangenen Woche zugesichert, alle finanziellen Verpflichtungen bedienen zu können.

"Die interessante Frage wird nun sein, zu welchen Konditionen die VEB die Gelder vergibt", sagt Christopher Weafer, Chefstratege bei der russischen Privatbank Uralsib. Dies werde in den kommenden Wochen die Moskauer Gerüchteküche zum köcheln bringen. VEB-Chef Wladimir Dmitrijew hatte bereits angekündigt, die Staatsbank werde auch beim Management von Unternehmen mitreden, die öffentliche Hilfen in Anspruch nehmen. Die Bank pumpt unter anderem auch kräftig Geld in den Aktienmarkt und kauft Papiere großer Unternehmen.

Analysten erwarten, dass am Ende große Aktienpakete bei der VEB landen könnten, vor allem wenn es den Oligarchen nicht gelingt, mittelfristig wieder eine eigene Finanzierung auf die Beine zu stellen. Die Geldspritze ist zudem nur kurzfristig - bis Ende 2009. Das Problem sei daher nicht behoben, sondern nur verschoben, meint Julia Buschuewa von Unicredit in Moskau.

Vize-Regierungschef Igor Schuwalow hatte zwar kürzlich eingeräumt, dass am Ende der Hilfsaktionen der Staat mit gewaltigen Beteiligungen an bisher privaten Unternehmen dastehen könnte, eine "Nationalisierung" sei jedoch nicht das Ziel der russischen Politik, betonte der Putin-Stellvertreter.

Das russische Wirtschaftsministerium senkte angesichts der Finanzkrise die Wachstumserwartungen für das Jahr.

Hans G. Nagl
Hans G. Nagl
Handelsblatt / Senior Financial Correspondent
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