Mit Bernhard Simon wird erstmals seit dem Firmengründer wieder ein Familienmitglied das Logistikunternehmen Dachser führen
Tante Christas Liebling

Bernhard Simon wirkt uneitel. Der 44-Jährige redet mit ruhiger, kontrollierter Stimme, manchmal fast zaghaft. Dabei macht es kaum einen Unterschied, ob er gerade über die Familie oder das Unternehmen redet, das sein Großvater Thomas Dachser 1930 gründete. Zum Jahreswechsel wird der Speditionskaufmann und Betriebswirt Sprecher der Geschäftsführung, damit übernimmt die Familie wieder das Ruder. Denn mit Simons Vorgänger, Gerd Wecker, hat ein famlienfremder Manager das Familienunternehmen jahrelang geführt.

MÜNCHEN. Dachser gilt als eines der größten deutschen Logistikunternehmen. Auch europaweit zählt der Familienkonzern mit 12 000 Beschäftigten und 2,1 Milliarden Euro Umsatz zu den Top Five. Simons Auftritt mag zurückhaltend sein, dahinter verbirgt sich jedoch kräftiges Selbstvertrauen. „Ich wusste eigentlich schon vor meinem Abitur, dass ich einmal in die Geschäftsführung gehen würde. Führen von Menschen und was man damit bewegen kann, das hat mich schon damals fasziniert“, sagt das Älteste von drei Geschwistern.

Und doch war es nicht selbstverständlich, dass er selbst es auch an die Spitze schaffen würde. Denn die Familie ist nicht eben klein. Hoch rechnet es Simon vor allem seiner Tante Christa Rhode-Dachser an, dass sie ihn förderte, obwohl sie selbst drei Kinder hatte. „Ich hatte immer die Hoffnung, dass Bernhard die Qualitäten dafür haben und in die Aufgabe hineinwachsen würde. Das ist im Lauf der Zeit geschehen, sicher bin ich mir aber erst seit sechs Jahren. Das war zu dem Zeitpunkt, als wir uns darüber unterhalten haben, Bernhard 1999 in die Geschäftsführung zu berufen“, sagt die Professorin für Psychoanalyse.

Rhode-Dachser hält aus dem Hintergrund die Fäden in der Hand. Sie selbst hat auch Betriebswirtschaft studiert und in der Geschäftsführung gearbeitet. Doch nach Schwierigkeiten mit ihrem Vater verzichtete die resolute Frau auf eine Karriere im Unternehmen. Dafür gaben familiäre Gründe den Ausschlag: Der Firmen-Patriarch hatte sich von seiner Frau getrennt und wieder geheiratet. Die Scheidung aber hatte ihren Preis. Anna Karolina Dachser hatte nur unter einer Bedingung in die Trennung eingewilligt: Die Firmenanteile gehen im Todesfall an ihre beiden Töchter und deren Kinder. „Meine Mutter

hat damit ein großes Verdienst, dass das Unternehmen so beisammen ist“, betont Christa Rhode-Dachser.

Nach dem Tod des Firmengründers 1979 übernahmen die beiden Töchter Christa Rhode-Dachser und Annemarie Simon als Erben die Gesellschafterfunktion in der Firma. Die operative Führung vertrauten sie aber dem familienfremden Ulrich Weiss an. Während Annemarie Simon sich aus der Firma weitgehend heraushielt, nahm Christa Rhode-Dachser – neben ihrer bereits laufenden wissenschaftlichen Laufbahn – als Stellvertreter von Weiss die Interessen der Familie in der Geschäftsführung wahr. Gemeinsam mit Weiss macht sie 1986 mit einem neuen restriktiven Gesellschaftervertrag das Familienunternehmen wetterfest (siehe Kasten). 1987, nach dem Ruf an die Universität Frankfurt, widmet sich Rhode-Dachser aber endgültig der Wissenschaft und nimmt nur noch Aufsichtsfunktionen wahr.

Der bis 2030 geltende Gesellschaftervertrag soll gewährleisten, dass nur die fähigsten Manager das Unternehmen führen. Ursprünglich sollte sogar ein Passus hinein, dass kein Familienmitglied Sprecher werden darf. „Wir haben aber dann darauf verzichtet, um den Nachkommen diese Chance nicht zu verbauen“, sagt Rhode-Dachser. So gehörte Simons Vater Thomas zwar bis 1997 der Geschäftsführung an, nicht aber als Sprecher. Zwei Jahre später schaffte sein Sohn den Sprung in das Führungsgremium. Der neue Dachser-Chef legt Wert auf Transparenz, auch architektonisch. Sein Büro im von Glas und Stahlkonstruktionen dominierten Firmensitz in Kempten ist lichtdurchflutet. Der Umgangston im Unternehmen ist direkt – mitunter rau, aber auch herzlich. Das bestätigen Mitarbeiter aus der Geschäftsführung. Glaubt man seiner Tante, dann ist Simon ein Teamspieler. Es gibt nach eigenem Bekunden keine Tabuthemen. „Wir sind sehr konfliktfreudig, deshalb dauern manche Entscheidungen auch manchmal länger, sind dann aber auch fest zementiert“, sagt Simon.

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