Mitarbeiterbetreuung
„Ein Kummerkasten mit Rendite“

Immer mehr Firmen schnüren Rundum-sorglos-Pakete für ihre Mitarbeiter, damit aus deren persönlichen Sorgen keine Personalprobleme werden. Für die Unternehmen zahlt es sich aus, wenn sich die Angestellten ganz auf die Arbeit konzentrieren können. Dementsprechend bieten ihre Betreuungsangebote weit mehr als traditionelle betriebliche Sozialberatung.

DÜSSELDORF. „Nach dem Tod meines Vaters war ich ziemlich durch den Wind“, gesteht Birgid Schumacher, Unilever -Mitarbeiterin aus Hamburg. Zudem sorgte sie sich um ihre kranke Mutter. Auch am Arbeitsplatz holten die privaten Probleme die 58-Jährige immer wieder ein: „Ein halbes Jahr habe ich meine Sorgen mit mir herumgeschleppt.“ Dann nutzte sie den Service ihres Arbeitgebers und ließ sich von einer externen Psychologin beraten - anonym und kostenlos. Birgid Schumacher: „Es tat mir gut, mein Herz auszuschütten. Ich bekam wertvolle Ratschläge und hatte den Kopf wieder frei für den Job.“

Eine solche externe Mitarbeiterberatung hat sich als Employee Assistance Program (EAP) bei Firmen in angelsächsischen Ländern längst etabliert. Jetzt ist diese Art der Betreuung auch in Deutschland auf dem Vormarsch. Ihre Wurzeln hat sie in den USA der 30er-Jahre: Als mit Aufhebung der Alkoholprohibition etliche Beschäftigte mit Suchtproblemen ausfielen, versuchten die Firmen gegenzusteuern.

Heute hilft der anonyme und kostenlose Service längst nicht nur bei Suchtkrankheiten. „Er ist Ventil für die vielen großen und kleinen Sorgen im Leben, die uns in den Wahnsinn treiben können“, umschreibt Olaf Tscharnezki, leitender Betriebsarzt des Konsumgüterkonzerns Unilever Deutschland. Was tun bei Überschuldung, Trennung, Rechtsstreit mit dem Nachbarn, Querelen mit dem Kollegen oder pubertierenden Filius? Wie spreche ich sensibel mit einem depressiven Mitarbeiter? Welche Reiseanbieter oder Handy-Tarife sind günstig? Psychologen, Anwälte und andere Experten leisten 24 Stunden am Tag Lebenshilfe - meist am Telefon.

Die Rundum-sorglos-Beratung können alle Mitarbeiter samt Partner, Kind oder Oma - sofern sie unter einem Dach wohnen - kostenlos und so oft sie wollen nutzen. Die Beratung bietet weit mehr als Familienservice oder traditionelle betriebliche Sozialberatung. „Früher hatten wir firmeneigene Psychologen, doch die Hemmschwelle war höher“, erzählt Beate Ecsy, Betriebsärztin des Chemiekonzerns Dupont Europe in Genf, der seit Jahren externe Mitarbeiterberatung anbietet. „Neutralität und Anonymität sind wichtig.“

Arbeitgeber spielen keineswegs aus reiner Selbstlosigkeit Heinzelmännchen für ihre Belegschaft. „Sie wollen verhindern, dass aus persönlichen Problemen Personalprobleme werden“, bringt es Jodi Jacobson, EAP-Forscherin an der University of Maryland, auf den Punkt. „Es ist ein Irrglaube, dass die Arbeit die meisten Probleme schafft“, bestätigt Stefan Boethius, Deutschland-Chef des britischen Anbieters Icas, der weltweit 1,5 Millionen Beschäftigte in 900 Firmen betreut.

„80 Prozent der Fälle sind private Sorgen, die die Leute oft in den Job tragen.“ Boethius Erfahrung: „Ist das Privatleben intakt, halten die Leute in der Firma viel aus.“ Dieser Wohlfühl-Service hat seinen Preis. Icas - Kunden in Deutschland sind Citigroup oder Motorola - verlangt zwischen drei und fünf Euro pro Monat und Mitarbeiter. Im Akutfall vermittelt Icas kostenlose Kurzzeit-Psychotherapien. Das Hamburger Fürstenberg Institut nimmt je nach Firmengröße drei bis vier Euro. Kunden sind neben Unilever auch Schwarzkopf oder Jungheinrich.

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