Modedesignerin Anja Gockel
Aufschwung Ost

Die Modeunternehmerin und -designerin Anja Gockel drohte von Kreativität und Perfektionismus zerrissen zu werden. Dann entdeckte sie die östliche Philosophie und die Kraft des Iyengar-Yoga. Das nutzte ihrem Charakter und dem geschäftlichen Erfolg.

MAINZ. Am Ende des schmalen Graswegs mit den tiefen Spurrillen, der zwischen zwei Stadtvillen hindurchführt, stockt mir der Gang. Es öffnet sich dem Auge ein Ort, den die Romantiker wohl lieblich genannt hätten, es ist ein Locus amoenus der Moderne. Dutzende von Douglasien umstehen ein zweigeschossiges Haus – unten ein Gartenhaus wie Goethes mit quadratischer Grundform und Fensterläden aus Holz, oben eine kühne Glas-Stahl-Konstruktion. Mit den Blättern im Wind rauschen zwei schlanke, gezackte Fahnen. Die eine leuchtet lila, die andere pink. Die Farben sind das Markenzeichen der Modedesignerin Anja Gockel. Ein aus Natursteinen locker gelegter Pfad hüpft zum Haus. Die Tür steht offen.

„Kommen Sie doch herein, herein“, ruft Anja Gockel und kommt mit großen Schritten aus der Küche in die Diele, beide Hände sind ausgestreckt. Sie ist groß und schlank und trägt eine figurbetonte Kombination aus schwarzer Hose und Pullover. Ihre Augen sind so grünblau wie die Aquamarine ihrer Ohrringe und der Anhänger ihrer Halskette. Die Haare trägt die 38-Jährige locker hoch gesteckt. Eine Strähne löst sich. Schnell schiebt sie sie wieder zurück in den Bund.

Anja Gockel ist aufgeregt. Es ist das erste Mal, dass die international erfolgreiche Modedesignerin nicht in ihren Ateliers in Mainz und London empfängt, sondern zu Hause im Mainzer Stadtteil Gonsenheim, und über ihre dritte Leidenschaft neben der Mode und der Familie spricht: das Yoga.

Ihre Leidenschaftlichkeit war und ist ihre größte Stärke und zugleich aber auch ihre größte Schwäche. „Ich bin erfolgreich, weil ich kreativ und perfektionistisch zugleich bin. Doch das drohte mich zu zerreißen. Ich hatte das Gefühl, ich verliere mich selbst. Auch meine Mitarbeiter hatten unter meiner Unruhe zu leiden“, erzählt Gockel.

Innere Ruhe und äußere Ausgeglichenheit habe sie erst durch die indische Lehre, die auf Ausgleich von Körper, Geist und Seele abzielt, gefunden. „Seitdem ich Yoga mache, bin ich viel ruhiger, und das, obwohl wir inzwischen zu Hause zu sechst sind und das Atelier vibriert.“ In ihrem Atelier in Mainz führt die 38-Jährige zehn feste und zehn weitere freie Mitarbeiter, in Paris und Düsseldorf sechs Modenschauen pro Jahr und zu Hause einen Ehemann und vier Kinder. Das Jüngste, Mia, ist erst wenige Wochen alt.

Dass sie sich selbst gefunden hat, zeigt sich auch in ihren Entwürfen. Früher dominierten schreiende Signalfarben wie Rot und Lila ihre Kollektionen, heute wählt sie auch stille Mischfarben wie Grüngelb und Beigebraun. Ihre Kämpfernatur hat sie aber behalten. Ihr Logo ist nach wie vor ein roter Hahnenkamm.

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