Mol-Chef bereitet sich auf Übernahmeschlacht vor
Zsolt Hernádi: Bollwerk aus Budapest

Ungarns Wirtschaft befindet sich im freien Fall. Das spürt auch der heimische Öl- und Gasriese Mol. Dessen Konzernchef Zsolt Hernádi hätte also schon genug Probleme, die er in den Griff bekommen muss. Doch nach der gescheiterten Übernahmeattacke des österreichischen Konkurrenten OMV im vergangenen Sommer muss Hernádi seinen Konzern erneut auf eine Übernahmeschlacht vorbereiten.

WIEN. Es war kein verspäteter April-Scherz, als Hernádi Anfang dieses Monats von einem neuen Gesellschafter überrascht wurde. OMV hatte seine 21 Prozent der Mol-Aktien ausgerechnet an einen Wettbewerber verkauft – an den drittgrößten russischen Ölkonzern Surgutneftegas, dem beste Beziehungen zu Premier Wladimir Putin nachgesagt werden. Mol fürchtet das Schlimmste: eine neuerliche feindliche Übernahmeattacke. Plötzlich muss sich Hernádi wieder um die Selbstständigkeit des eigenen Unternehmens sorgen – nichts ist es mit der erhofften Ruhe.

In der Hauptstadt Budapest herrscht auch in der Politik große Sorge, dass sich der neue Mol-Hauptaktionär den kleinen ungarischen Konkurrenten einverleiben möchte. Mol-Chef Hernádi wurde gleich vor einen Parlamentsausschuss zitiert, um seine Verteidigungsstrategie zu präsentieren. „Unsere Versorgungssicherheit und unsere Unabhängigkeit stehen zur Disposition“, teilte Hernádi vor dem Ausschuss die Sorgen der Parlamentarier. Der russische Botschafter wurde ins Außenministerium in Budapest bestellt, der ungarische Staatspräsident Laszlo Solyom sprach von „großer Sorge“ für das kleine Land.

Doch der Mol-Chef ist mit allen Wassern gewaschen, um sein eigenes Unternehmen auch in diesem Fall gegen den neuen Mitgesellschafter aus Russland zu schützen. Das Spielchen hatte er im vergangenen Jahr bei der gescheiterten Übernahme von OMV schon einmal geübt. Ein ähnliches Repertoire muss er jetzt noch einmal aufbieten. Außerdem hilft ihm die enge Verbindung zur Politik.

Der 48-jährige Zsolt Hernádi ist eigentlich gelernter Banker. Internationale Erfahrung sammelte er in jungen Jahren bei der Deutschen Bank in Pforzheim – danach ging es bei ungarischen Banken schnell die Karriereleiter hinauf. Seit der Zeit in Baden-Württemberg spricht er fließend Deutsch; während der Übernahmeschlacht gegen OMV war das kein zu unterschätzender Vorteil. Allzu viele international erfahrene Manager gibt es in dem kleinen Land mit zehn Millionen Einwohnern nicht. Nach einem kurzen Zwischenstopp bei der ungarischen Fluggesellschaft Malev landete Hernádi dann bei Mol. Seit bald acht Jahren ist er der Vorstandsvorsitzende des Budapester Konzerns.

Wie in den meisten europäischen Ländern hat die Politik auch in Ungarn die eigenen Energiekonzerne besonders gut im Blick – deshalb kann sich Hernádi der Unterstützung durch die Regierung und das Parlament ziemlich sicher sein. Und der Staat spielt auch tatsächlich mit, um Mol zum zweiten Mal vor einer unliebsamen Übernahme aus dem Ausland zu schützen. Schon bei der Attacke von OMV verabschiedete das Parlament eine „Lex Mol“, die die geplante Übernahme der Österreicher fast unmöglich machte. „Es liegt im Interesse der Regierung, die Unabhängigkeit strategisch wichtiger Unternehmen zu wahren“, sagt Laszlo Keller, Staatssekretär im Budapester Finanzministerium.

Aber auch die Russen sind trickreiche Spieler, deshalb verstärkt Hernádi jetzt den eigenen Verteidigungswall gegen die erwartete feindliche Übernahmeattacke von Surgutneftegas. Erst einmal macht der gewiefte ungarische Taktiker aus seinem Unternehmen ein hässliches Entlein. Der Hauptversammlung schlägt Hernádi vor, dass die Dividende in diesem Jahr gestrichen wird. Eine bittere Pille für die Russen, die für das Mol-Paket eine gute Milliarde Euro auf den Tisch gelegt haben. Wenn man schon so viel Geld dafür ausgibt, dann sollte sich das Investment lohnen – zumindest mit einer ordentlichen Dividende. Aber den hohen zweistelligen Millionenbetrag, mit dem die Russen eigentlich hätten rechnen können, versagt ihnen Hernádi. Freunde gewinnt man so sicherlich nicht, im eigenen Überlebenskampf wird das dann allerdings egal.

Auch an anderer Stelle ist Hernádi dabei, den Abwehrring um das eigene Unternehmen zu schließen. Für wichtige Beschlüsse des Unternehmens reicht künftig die Entscheidung des Vorstandes – die Hauptversammlung muss nicht mehr eigens befragt werden. Ebenfalls eine klare Attacke gegen die Russen. Mitglieder der Konzernführung dürfen künftig nur unter bestimmten Bedingungen abgelöst werden, auch das dürfte den Einfluss von Surgutneftegas entscheidend schwächen und stören.

Mit öffentlichen Äußerungen hat sich Hernádi seit dem Einstieg der Russen zurückgehalten. „Aber das sagt gar nichts“, unterstreicht ein Kenner der Szene in Budapest. Hinter den Kulissen ist der Mol-Chef nach Kräften unterwegs. Der für seine ausgeklügelten Schachzüge bekannte Manager wird es den Russen nicht leichtmachen. Trotzdem: Mol und seinem Chef stehen unruhige Zeiten bevor.

Stefan Menzel ist beim Handelsblatt der Spezialist für die Automobilbranche.
Stefan Menzel
Handelsblatt / Korrespondent Automobilindustrie
Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%