Montblanc
Die richtige Mischung aus Show und Feinarbeit

Lutz Bethge hat die deutsche Luxusmarke Montblanc international groß gemacht. Doch der Markt für edle Schreibgeräte ist ihm auf Dauer zu klein. Jetzt will er daher in die feine Liga der Uhrenmanufakturen aufsteigen - ein ambitioniertes Unterfangen.

GENF. Die Fotografen schreien. „Madame Schiffär“, „Clodia“, „Please, smile, pleeeease“. Das deutsche Fräuleinwunder tut, wie ihr gerufen. Sie lächelt jenes Lächeln, das sie zur Muse des Modeschöpfers Karl Lagerfeld hat werden lassen. Die Kameras klicken, klicken und klicken.

Einen halben Schritt hinter ihr steht Lutz Bethge. Ganz Gentleman überlässt er ihr den Auftritt. Als die Fotografen zum Zweierfoto bitten, macht er mit seinen schwarzen Lackschuhen einen kurzen, schnellen Schritt nach vorne an ihre Seite. Den linken Arm winkelt er an und hält ihn – fast so wie Napoleon seinen rechten – vor die Brust. Der Ärmel des Jackets und die weiße Manschette rutschen zurück, und geben den eigentlichen Star des Abends frei: die Uhr.

Das goldene Stück, das ein schwarzes Lederband hält, hat es in sich. Still und leise tickt in dem Gehäuse aus 18 Karat das erste eigene Uhrwerk von Montblanc. Das Kaliber, das in den eigenen Werkstätten in Le Locle in der Schweiz gefertigt wurde, ist für die Luxusmarke, die für ihre schwarz-goldenen Füllfederhalter mit der weißen Gletscherkrone auf der Kappe bekannt ist, das Eintrittsticket in den illustren Kreis der Uhrenmanufakturen, zu denen Traditionshäuser wie A. Lange & Söhne, IWC und Vacheron Constantin zählen.

Das erste eigene Uhrwerk bedeutet für die deutsche Luxusmarke einen ähnlich großen Schritt wie Ende der 80er-Jahre die Entscheidung, nur noch hochwertige Schreibgeräte herzustellen. „Uhren und Schmuck versprechen höheres Wachstum als Schreibgeräte“, sagt Vorstandschef Lutz Bethge am Rande des Genfer Uhrensalons und fügt hinzu: „Das 20. Jahrhundert war für Montblanc das Jahrhundert der Schreibgeräte, das 21. wird das der Uhren und des Schmucks.“ In zehn Jahren würden Uhren und Schmuck mehr zum Umsatz beitragen als Schreibgeräte.

Bethge ist seit 18 Jahren bei Montblanc. In dieser Zeit entwickelte sich die 1906 in Hamburg gegründete Marke, die inzwischen zur Schweizer Luxusgütergruppe Richemont gehört, überragend. Im vergangenen Jahr stieg der Umsatz des Segments Schreibgeräte um knapp 18 Prozent auf 585 Millionen Euro. Der operative Gewinn erhöhte sich um 32,5 Prozent auf 110 Millionen Euro.

Der Großvater des Erfolgs ist zwar Norbert Platt. Der heutige Richemont-Vorstandschef leitete 1987 den Wandel ein, indem er sich auf die Wurzeln von Montblanc als Manufaktur besann und erklärte: „Kein Füller unter 150 Mark.“ Doch umsetzen lässt er die Strategie von anderen. So holt er etwa von Kraft Masterfoods den damals 35-jährigen Bethge, der ihn später als Chef beerbt und zum Vater des Erfolgs wird. Er erweitert das Sortiment um Taschen, Uhren, Schmuck, Parfüm und Brillen.

Bethge findet die richtige Mischung aus Show und Feinarbeit. Der studierte Diplom-Kaufmann setzt auf Stars als Testimonials für Montblanc. Der Lauf auf dem roten Teppich mit Claudia Schiffer in Genf ist nur ein vorläufiger Höhepunkt. Bethge hat schon mit Oscar-Gewinnerin Hilary Swank gespeist und Topmodel Naomi Campbell umschmeichelt. Am Firmensitz in Hamburg steht seine Bürotür offen, und „er beschäftigt sich nach wie vor intensiv mit den Produkten“, sagt Betriebsratschef Henning Keil. Die Entwicklung des Chronographen, den er in Genf präsentiert, begleitete Bethge von den ersten Modellskizzen bis zum eigenhändigen Probetragen. Mit der je nach Ausführung 7 000 bis 37 000 Euro teuren Uhr begibt sich der Montblanc-Chef aber auf einen schwierigen Markt. Zwei Dutzend Uhren- und Schmuckmanufakturen aus der Schweiz, Deutschland und Frankreich kämpfen um die Handgelenke vermögender Europäer, Asiaten und Amerikaner.

Für Claudia Schiffer hat Bethge in Genf noch ein nachträgliches Geburtstagsgeschenk. Das Diamant-Collier von Montblanc, das sie auf dem roten Teppich um den Hals trug und das drei Millionen Dollar wert ist, muss sie zwar wieder abgeben. Stattdessen überreicht ihr Bethge ein anderes, neues Produkt von Montblanc, mit dem sie jeden Tag auf offener Straße für das Unternehmen werben könnte: eine Damenhandtasche aus weißem Leder mit ihren eingravierten Initialen, Modell Starisima.

Tanja Kewes
Tanja Kewes
Handelsblatt / Chefreporterin
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