Morgan Stanley
Dirk Notheis: Der Netzwerker

Normalerweise passen Gewerkschafter und Investmentbanker so wenig zusammen wie Feuer und Wasser. Anders bei Dirk Notheis. Der neue Chef von Morgan Stanley in Deutschland und Österreich ist gleichzeitig Mitglied des Österreichischen Gewerkschaftsbundes und auch noch stolz darauf.

FRANKFURT. Nein, es kam hier nicht zu einer Metamorphose des Mannes mit der markanten Nase und dem klaren Gesichtszügen. Der stramme CDU-ler wechselte seine politische Gesinnung nicht aus und schlüpfte auch nicht vom Tweed-Jacket in den Nadelstreifenanzug. Notheis wurde Gewerkschafter ehrenhalber. Der Badener rettete die Organisation, den ÖGB, in letzter Minute vor der Pleite.

Der Investmentbanker Notheis setzte vor zwei Jahren den Schlusspunkt hinter einer Geschichte von Größenwahn und eingeschränkter Wahrnehmung. Einer Geschichte von desaströsen Sondergeschäften des Managements um den langjährigen Direktor Helmut Elsner, der die österreichische Bank für Arbeit und Wirtschaft (Bawag) fast in die Pleite gerissen hätte. Mit der Bawag wäre damals auch das Vermögen, die Pensions- und Streikkasse von 1,4 Millionen Gewerkschaftsmitgliedern verspielt worden.

Doch der Vollblutbanker schaffte es, mit den Finanzinvestoren Lone Star und Cerberus sowie der Bayerischen Landesbank gleich drei Interessenten für die schwer angeschlagene Bank zu präsentieren. Zum Zug kam am Ende Cerberus für über drei Milliarden Euro. Damit konnte der Schaden abgedeckt werden, und es blieb sogar noch über eine Milliarde für die Gewerkschaftskasse übrig. Ende gut, alles gut. Das war dem ÖGB-Chef und heutigen österreichischen Sozialminister Rudi Hundstorfer eine Ehrenmitgliedschaft wert.

Doch der Ettlinger Notheis mit dem festen Blick hinter der randlosen Brille ist nicht nur ein hervorragender Banker, er ist auch sehr gut verdrahtet. Böse Zungen nennen ihn "Selbstdarsteller". Doch Verdrahtung ist wichtig, gerade auch intern zu seinem Kollegen Carsten Dentler, mit dem er mehrere Jahre das Investment-Banking zusammen geführt hat und der zum Chairman aufsteigt. Aber ebenso zu Christian Zorn und Johannes Gröller, die künftig das Investment-Banking verantworten. Denn gerade für Banker gilt, ohne ihre Mannschaft, ohne intern gute Beziehungen sind sie nichts. Ein ehemaliger Morgan-Stanley-Mann spricht daher klare Worte zur Wahl von Notheis: "Die zeitweise externe Suche nach einem neuen Deutschlandchef war Unsinn." Das wäre nur ein Frühstückdirektor geworden. Scheitern vorprogrammiert.

Aber für Notheis sprach noch mehr. Der Opernfan, der Wilhelm Tell von Rossini liebt, ist auch bestens in Unternehmen und Politik verdrahtet. In die CDU-Spitze hinein hat er selbstredend gute Beziehungen. Schließlich war er zeitweise der Nachfolger von Ministerpräsident Günther Oettinger als Landesvorsitzender der Jungen Union im Ländle. Und den Politikern versucht er immer wieder politischen Sachverstand beizubringen. Aber er greift auch selbst noch ein. So habe er sich 2005 bei Morgan Stanley zeitweise beurlauben lassen, um zu helfen, Angela Merkel den Weg ins Kanzleramt bei den letzten Bundestagswahlen zu ebnen, berichten Bekannte.

Normalerweise ist der Liebhaber von Bordeaux-Weinen mit dem nötigen Quäntchen Glück gesegnet. So schaffte er es 2001 mit dem Flughafenbetreiber Fraport den letzten Börsengang vor dem Platzen der Internetblase zu begleiten und eröffnete das Aktienemissionsspiel drei Jahre später mit der Privatisierung der Postbank. Doch es geht nicht immer alles gut. Fünf Jahre lang hatte er alle Energie in den Börsengang der Bahn gesetzt. Lange Stunden investierte er, um am Ende nach der Absage mit leeren Händen dazustehen.

Robert Landgraf
Robert Landgraf
Handelsblatt / Chefkorrespondent Finanzmärkte
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