Münchener Rück
Joachim Oechslin: Mathematiker mit Bauchgefühl

Zwar hatte auch die Münchener Rück in den vergangenen Jahren so ihre Probleme – im Erstversicherungsgeschäft lief es nicht rund und das Engagement in den USA kostete viel Geld. Doch toxische Assets lagen nur vergleichsweise wenige im Depot. Das ist besonders Risiko-Chef Joachim Oechslin zu verdanken. Der 38-Jährige manövriert den Rückversicherer mit Bauchgefühl und ohne Blessuren durch die Krise.

MÜNCHEN. Der Risiken im Leben ist sich Joachim Oechslin schon von Berufs wegen bewusst. Trekking in Nepal? Als Schweizer Bergliebhaber geht der 38-Jährige die damit verbundenen Gefahren gern ein. Die ganz großen Höhen meidet er beim Trekking dann aber doch. „Dieses Risiko wollen wir nicht eingehen“, sagt er nüchtern, und da kommt dann vielleicht der Chief Risk Officer in ihm zum Tragen. Sich mögliche Risiken bewusst machen und dann entscheiden, ob man diese eingehen kann und vor allem will: Mit dieser Strategie ist Oechslin bisher gut gefahren. Auch die Münchener Rück, für die der Schweizer die Risiken kontrolliert, ist mit dieser Taktik bisher ordentlich durch die Krise gesteuert. Im ersten Quartal schrieb der weltgrößte Rückversicherer erneut schwarze Zahlen.

„Man muss unbedingt das Bauchgefühl berücksichtigen“, sagt ausgerechnet der Finanzmathematiker dazu und betont, dass die wesentlichen Anlageentscheidungen schon vor seiner Zeit bei der Münchener Rück getroffen worden seien. Es habe ein Gespür dafür gegeben, dass die Risikoaufschläge bei vielen Produkten nicht mehr angemessen waren. Aufgrund dieses Bauchgefühls – gesunden Menschenverstand nennt es sein Chef, Münchener-Rück-Vorstandsvorsitzender Nikolaus von Bomhard – ließ der Konzern von vielen Investments die Finger, und Oechslin blieb konsequent bei dieser Linie

Die Mathematik – und später die Finanzmathematik – hatte Oechslin schon während des Studiums fasziniert. Eine gewisse Grundskepsis hat er sich dennoch bewahrt. „Ich kenne die Limitationen der Modelle“, sagt er. „Risikomanager wissen auch, was sie nicht können.“ Das Problem sei die Rückwärtsgewandtheit, sagt er. Zwar könne man Modelle auch anders kalibrieren und zum Beispiel Szenarien einbauen, die in der Vergangenheit noch nie beobachtet worden. Dazu müsse man aber eine Konsequenz aufbringen, die gerade bei den Banken gefehlt habe. In den Boomzeiten der Finanzindustrie galt die Münchener Rück als konservativ-langweilig. Inzwischen ist das eher eine Auszeichnung.

Von seinem Büro aus blickt er direkt ins satte Grün des Englischen Gartens. Als er von der umtriebigen Axa in der Weltstadt Paris ins beschauliche München wechselte, verstand das nicht jeder Kollege. Oechslin aber sagt: „Die Münchener Rück hatte aus der Finanzkrise 2001/02 gelernt, und das Risikomanagement besaß hohen Stellenwert.“ Zudem sei er Naturmensch. „Mir gefällt es hier besser.“ Von hier aus ist er schnell in den Bergen und am Züricher Zweitwohnsitz. Im Büro erinnert ihn eine Espresso-Tasse mit der Schweizer Nationalflagge an die Heimat – ein Geschenk, wie er betont. Und natürlich ziert eine Schweizer Qualitätsuhr das Handgelenk.

Ansonsten aber mag es Oechslin eher dezent schlicht. Die angegrauten Haare trägt er als praktische Kurzhaarfrisur, den netten Schweizer Dialekt lässt er nur leicht durchklingen. Bei den Mitarbeitern ist Oechslin beliebt. Wie kaum ein anderer könne er die hochkomplexen Vorgänge in der Rückversicherung erklären und auf den Punkt bringen, sagt einer. Da hilft ihm sicherlich, dass Oechslin schon in jungen Jahren an der Fachhochschule unterrichtete.

Auch wenn der Blick aus dem Fenster beruhigt: Stressig genug dürfte Oechslins Job auch in den nächsten Jahren sein. Zwar habe das „Herzinfarktrisiko der Finanzindustrie“ etwas abgenommen. „Wir haben aber immer noch eine schlimme Krankheit, die man kurieren muss.“ Der Kapitalbedarf gerade bei den Banken sei weiter groß. Stark werde in Zukunft der sein, der ein starkes Kerngeschäft hat, da man Probleme im Kerngeschäft nicht einfach durch riskante Wetten verdecken könne. Für die Münchener Rück könnten sich in der Krise neue Chancen ergeben. Doch schon im nächsten Atemzug warnt der Risikomanager: „Wir werden nicht vermeintlicher Opportunitäten wegen riskante Wetten eingehen.“

Axel Höpner
Axel Höpner
Handelsblatt / Büroleiter München
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