Musik-Manager
Der Mann mit dem goldenen Ohr

Branchenlegende Clive Davis muss den Chefposten beim japanisch-deutschen Musikkonzern Sony BMG abgeben. Es ist das zweite Mal, dass Davis bei BMG vor die Tür gesetzt wird. Bereits vor zehn Jahren wollte man den egozentrischen Manager loswerden, holte ihn aber dann reumütig zurück. Mit Davis stirbt die Garde der klassischen Musik-Manager endgültig aus.

DÜSSELDORF. Mit dem 74-Jährigen müssen zudem sein Stellvertreter bei den BMG-Labeln, Charles Goldstuck, und COO Tim Bowen das Unternehmen verlassen.

Goldstuck soll nach Informationen des Wall Street Journals intern die Ablösung von Rolf Schmidt-Holtz als CEO des Gesamtkonzerns betrieben haben. Sony BMG, die Nummer zwei am Weltmusikmarkt nach Universal Music, leidet unter sinkenden CD-Verkaufszahlen und kommt im Internetgeschäft nur schleppend voran.

Davis’ Nachfolger als Chef so berühmter Marken wie „Arista“, „RCA“ oder „Jive“ wird Barry Weiss, 49. Weiss leitete bislang „Zomba Records“, ein Unternehmen, das BMG in die Ehe mit Sony Music eingebracht hatte.

Es ist das zweite Mal, dass Davis bei BMG vor die Tür gesetzt wird. Bereits vor zehn Jahren wollte man den egozentrischen Manager loswerden, holte ihn aber dann reumütig zurück. Davis hatte eine eigene Plattenfirma gegründet, und viele Künstler waren ihm gefolgt. Zähneknirschend ging die damalige Bertelsmann-Tochter BMG ein Joint Venture mit Davis’ „J Records“ ein und hievte ihn wieder auf den Chefsessel.

Diesmal aber wird es wohl kein triumphales Comeback geben. Davis wird „Chief Creative Officer“, eine Art Berater ohne Spartenverantwortung. Das Tagesgeschäft wird Weiss übernehmen. Ihm wird mehr Gefühl für die Rap-Szene nachgesagt.

Davis, der Rechtsanwalt mit Harvard-Abschluss, steht für Namen wie Whitney Houston, Santana, Bruce Springsteen, Aerosmith oder Alicia Keys. Der Durchbruch gelang dem Sohn einer jüdischen Arbeiterfamilie aus New York, als er einen aufbrausenden jungen Künstler namens Bob Dylan überreden konnte, seinen Vertrag mit Columbia Records zu verlängern, und als er 1967 die zuvor unbekannte Sängerin Janis Joplin praktisch noch auf der Bühne des Monterey-Festivals unter Vertrag nahm.

Mit dem als selbstverliebt beschriebenen Davis stirbt endgültig die alte Garde der klassischen Musikmanager der Vor-Internetära aus, die branchenweit im Zuge der tiefen Absatzkrise ausgetauscht wurde.

Ob Sony BMG musikalisch die richtige Entscheidung getroffen hat, wird sich zeigen müssen. Die jüngste Entdeckung des geschassten Mannes mit dem goldenen Ohr, Leona Lewis, stürmt pünktlich zu Davis’ Abgang an die Spitze der Billboard-Charts.

Handelsblatt-Korrespondent Axel Postinett
Axel Postinett
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