Musterprozess
Subprimezocker vor Gericht

Nicht wenige an der Wall Street drücken am Mittwoch einem Verlierer die Daumen, einem Paria in einer Welt, in der nur der Erfolg zählt. Denn mit dem Hedge-Fonds-Pleitier Ralph Cioffi steht erstmals einer der ihren wegen der Finanzkrise vor Gericht. Bis zu 40 Jahren Gefängnis drohen dem Manager der untergegangenen Investmentbank Bear Stearns.

NEW YORK. Der Vorwurf: Der kernige 53-Jährige soll noch kurz vor dem Kollaps seines 1,4 Mrd. Dollar schweren Subprime-Fonds Kunden zur Geldanlage motiviert und gleichzeitig in internen E-Mails den Zusammenbruch des Marktes voraus gesagt haben. „Die Subprimeverluste sind weitaus größer, als irgendjemand bisher vorausgesagt hat“, schrieb er an seinen ebenfalls angeklagten Kollegen Matthew Tannin. „Wir erleben entweder eine Kernschmelze oder eine der größten Kaufgelegenheiten. Ich tendiere zu Ersterem“, erklärte er in einem anderen Memo. Gleichzeitig vermarkteten sie ihren Fonds jedoch als „hervorragende Gelegenheit“. Wenige Wochen später, im Juni 2007, brach ihr Fonds zusammen und sandte eine Schockwelle durch den Kapitalmarkt. Sie markierte den sichtbaren Beginn der immer noch anhaltenden Finanzkrise.

Sollte die Jury die elektronische Diskussion zwischen Cioffi und seinem mitangeklagten Kollegen Tannin ähnlich interpretieren wie der Staatsanwalt, dürften der Inhalt der E-Mail-Fächer an der schwatzhaften US-Finanzmeile zur schärfsten Waffe der Strafverfolger werden. Nicht wenige Banker werden bis zum Ende des Prozesses schlecht schlafen. Dürften sie sich doch an mögliche eigene Memos erinnern, in denen sie die Entwicklung der Krise diskutiert oder sich über die Dummheit von Anlegern lustig gemacht haben. „Die Wall Street wird dieses Verfahren mit Argusaugen verfolgen, um zu sehen, ob die Staatsanwaltschaft kriminelles Verhalten im Zusammenhang mit der Finanzkrise nachweisen kann“, sagte Edward O'Callaghan, ehemaliger Strafverfolger in Manhattan. In den Skandalen des Internetbooms war dies den Behörden nicht gelungen. Analysten wie Merrill-Lynch-Experte Henry Blodget kauften sich 2002 in millionenschweren Vergleichen von Strafe frei. Blodget hatte damals Aktien zum Kauf empfohlen, sie aber gleichzeitig in internen Mails als „Müll“ bezeichnet.

Formal wirft die Staatsanwaltschaft Cioffi und Tannin vor, sich gegenüber den Kunden „zur Vorspiegelung falscher Tatsachen verabredet zu haben in der Hoffnung, dass sich die miserablen Aussichten des Fonds bessern.“ Für Verschwörung und Wertpapierbetrug drohen beiden bis zu 20 Jahre Haft. Cioffi soll zudem vor dem Kollaps des Fonds zwei Mio. Dollar eigenes Geld aus ihm herausgezogen haben und ist dafür auch des Insiderhandels angeklagt. Das könnte ihm weitere 20 Jahren Gefängnis einbringen. Beide bezeichneten sich im Vorfeld des Prozesses als unschuldig. Beide waren im Sommer 2008 während der FBI-Operation „Bösartige Hypotheken“ verhaftet worden und kamen nur gegen millionenschwere Kautionen frei. Cioffi arbeitet wieder als Fondsmanager.

Die Verteidigung wird sich auf die Argumentation konzentrieren, dass die Staatsanwaltschaft die Zitate der beiden Fondsmanager aus dem Zusammenhang gerissen habe. „Wenn man einen Fonds verwaltet, muss man sich beständig damit beschäftigen, wie sich der Markt und damit das Risikoprofil verändern kann“, sagte Jack Sylivia, ein auf Kapitalmarktrecht spezialisierter Anwalt. Nicht nur angesichts der Deutlichkeit der von der Anklage vorgelegten Zitate dürfte es die Verteidigung allerdings schwer haben, die am Mittwoch zur Wahl anstehende Jury für sich einzunehmen. Schließlich gehören Cioffi und Tannin zum derzeit bestgehassten Berufsstand in den USA. „Die Angeklagten tragen ein virtuelles, rotes 'IB' für Investmentbanker auf der Brust. Und das ist ein Problem für sie“, sagte James Cox, Rechtsprofessor an der Duke University der Nachrichtenagentur Reuters. Juries tendierten dazu, nicht besonders freundlich mit denen umzugehen, die sie als typische Akteure der Finanzkrise ansähen.

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