Nach der anfänglichen Euphorie...
Ex-Tennisstar Boris Becker auf dem falschen Platz

Eine Dreiviertelstunde Fernsehen kann schmerzhafter sein als ein Fünf-Stunden-Match auf Asche. Der Talkmaster hat sich betont lässig angezogen, weißes T-Shirt mit V-Ausschnitt, darüber ein dunkler Blazer. Der blonde Schopf ist voll mit Gel, die blauen Augen weit geöffnet, so staunen nicht einmal Kinder.

Boris Becker wirkt an diesem Samstagmorgen im 200 Quadratmeter großen Studio des Deutschen Sportfernsehens im langweiligen Münchener Medienvorort Ismaning wie elektrisiert. Er hat ein hartes Stück Arbeit vor sich. Denn ihm gegenüber sitzt ZDF-Moderator Johannes B. Kerner, der Weichspüler der Nation. Kerner hat seine Frau mitgebracht, Britta Becker, ihres Zeichens Hockeyspielerin. Es soll ja auch um Sport gehen.

„Becker 1:1“, leuchtet die Schrift im Hintergrund, die Aufzeichnung der 10. Folge von Boris Beckers eigener Talkshow läuft. „Wie ist das Gefühl, auf der falschen Seite zu sitzen“, will Becker ernsthaft von Kerner wissen. Die nächste Kuriosität wird später folgen: „Wer bist du heute?“

Fernsehen funktioniert nicht wie Tennis, die rhetorischen Aufschläge sind schwach, noch schwächer aber die Returns. Auf dem Bildschirm wirkt Becker angestrengt. Der Nebenerwerbs-Talkmaster liest die Fragen vom Papier brav ab, kritisches Nachfragen gibt es nicht. Becker ist auch beim DSF der nette Kumpel seiner Gäste. „Ich bin, wie ich bin, und ich spreche, wie ich spreche – nur so bin ich glaubwürdig. Deshalb hat es kein Sprachtraining gegeben“, gab er zu Beginn seiner Talkshow Ende April offen zu.

Dabei kennt der einstige Wimbledon-Held das Medium und seine Gefahren sehr genau. „Boris Becker ist seit 20 Jahren ein Kind der Medien“, berichtet sein langjähriger Berater Robert Lübenoff. Als Interviewgast ist er ein ausgebuffter Profi, als Talkmaster aber noch ein Anfänger. „Er wollte endlich mal die Fragen stellen, die ihm während seiner 18-jährigen Tenniskarriere nie gestellt wurden“, sagt ein Insider. Nur diese Art der Fragen kommen beim Publikum nicht so richtig an. „Er wirkt auf seltsame Art unnatürlich. Es ist nicht der Sportler Becker, der andere Sportler fragt“, sagt ein DSF-Mitarbeiter.

Zum ersten Mal hat der Wimbledon-Held als Co-Moderator bei der Champions-League für RTL eine Pleite erlebt. „Aus der Geschichte haben wir gelernt“, sagt heute sein Intimus Lübenoff. Der neue Anlauf im Privatfernsehen musste daher ein Erfolg werden. Schließlich ist Becker als Geschäftsmann und TV-Profi nicht gerade vom Erfolg verwöhnt worden. Beispiel „Sportgate“: Mit seinem Internetunternehmen, das er mit dem früheren RTL-Chef Helmut Thoma gegründet hatte, legte er eine glatte Bauchlandung hin.

Seite 1:

Ex-Tennisstar Boris Becker auf dem falschen Platz

Seite 2:

Seite 3:

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%