Nach Jahren der Konsolidierung wird Telefónica-Chef César Alierta wieder mutiger – auch weil er seinen Job behalten will
Hinfort mit der Langeweile!

So ein wenig erinnert er an Walter Matthau, den dauergrantelnden Hollywood-Komiker aus „Der Glückspilz“ und „Ein verrücktes Paar“. Denn auch César Aliertas Gesichtszüge sind groß, seine Nase riesig, seine Hände wie Pranken, etwas tollpatschig wirkt er – und ab und an schießt er einen trockenen Witz ab.

MADRID. Doch Filmglamour versprüht der Präsident des spanischen Telekomkonzerns Telefónica nicht. Nach der britischen Vodafone und der US-Firma Verizon ist Telefónica zwar der drittgrößte Telekommunikationskonzern der Welt. Alierta aber meidet eher die Öffentlichkeit. Vor großem Publikum redet er nur äußerst ungern – es liegt ihm nicht.

Nun hat er auf Offensive umgeschaltet. Mit ungeahntem Selbstbewusstsein kündigte er vor einer Woche an: „Wir wollen gemäß des Börsenwertes und der Rentabilität der größte integrierte Telekommunikationskonzern der Welt werden.“ Wie er das schaffen will? Profitable Gelegenheitskäufe seien nicht ausgeschlossen. Leere Parolen sind das nicht. Der erste Zukauf, Cesky Telekom, ist unter Dach und Fach.

Alierta scheint sich entschieden zu haben, die Langeweile zu verscheuchen, die Telefónica seit seinem Amtsantritt im Jahr 2000 ergriffen zu haben schien. Alierta gilt zwar als fabelhafter Analytiker. Journalisten langweilt er jedoch mit seiner wenig gesprächigen Art. Selbst enge Mitarbeiter geben zu: „Vor der Kamera gibt er kein gutes Bild ab.“ Musste er auch nicht, denn im Geschäft setzte er vornehmlich auf Konsolidierung statt auf Expansion.

Doch damit soll jetzt Schluss sein. Allierte steht unter Druck – und muss sich wandeln, wenn er seinen Job behalten möchte. Spaniens sozialistische Regierung unter José Luis Rodríguez Zapatero mag den Juristen nicht, weil er als Freund der konservativen Vorgängerregierung gilt und auch nicht alles aus dem Unternehmen raushole.

Zwar ist Telefónica seit 1996 vollständig privatisiert und seit 80 Jahren an der Börse. Der Staat hält aber immer noch eine goldene Aktie und damit die Macht im Konzern. Wirtschaftsminister Rodrigo Rato machte davon Gebrauch, als Aliertas Vorgänger Juan Villalonga durch seine draufgängerische Art untragbar wurde für die Konservativen. Er setzte den ruhigeren Alierta an die Spitze, der damals Präsident des Zigarettenherstellers Tabacalera war, der inzwischen Altadis heißt.

Alierta begann seine Karriere als Finanzfachmann: „Vom Telefongeschäft verstand er zunächst nichts“, sagt José Mario Alvárez Novales, Dozent an der Madrider Businessschule Instituto de Empresa.

Die ersten Jahre waren dennoch einfach für Alierta: Telefónica hatte im Vergleich zu anderen Wettbewerbern weniger Schulden und war äußerst rentabel. Inzwischen jedoch haben Deutsche Telekom & Co. aufgeholt, und Alierta hat immer noch ein paar Sünden aus der Zeit Villalongas am Hals, darunter den TV-Produzenten Endemol. Nachdem ihr Verkauf scheiterte, soll sie nun Ende des Jahres an die Börse gebracht werden.

„Telefónica bekommt jetzt die zu geringe Internationalisierung und Investition in neue Technologien zu spüren“, sagt Businessdozent Novales. Bisher hat Alierta nur die Expansion in hispanische Kulturkreise gewagt – abgesehen vom deutschen UMTS-Abenteuer Quam, das jedoch bereits von Villalonga in die Wege geleitet worden war. „Bei Quam haben wir wirklich Mist gebaut“, heißt es bei Telefónica.

Während die Spanier auf dem heimischen Markt immer noch rund 80 Prozent der Marktanteile haben und auch fast überall in Lateinamerika Marktführer sind, mussten sie in Deutschland feststellen, dass der Konzern für den starken Wettbewerb auf dem deutschen Mobilfunkmarkt nicht ausgerüstet war.

Telefónica wurde von der deutschen Presse regelrecht zermalmt. Nach anfänglicher Zurückhaltung machten auch Spaniens Journalisten schließlich mit – alle auf Alierta. Angebliche Insidergeschäfte in seiner Zeit als Tabacalera-Präsident wurden zur großen Story. Als er 2003 den Posten des Vorstandsvorsitzenden bei Telefónica strich und so seine eigene Position stärkte, sanken die Sympathien für den Mann aus Zaragoza weiter. „Er ist ein Alleinherrscher“, heißt es in Unternehmenskreisen.

Vielleicht liegt im hohen Druck auf Alierta auch ein Grund dafür, warum er lange keine Expansionsprojekte mehr in Europa anfasste und lieber zu Gunsten des Aktienkurses sein Geschäft konsolidierte. Da das Entlassungen bedeutete, machte er sich aber auch damit keine neuen Freunde.

Alierta hat jedoch verstanden, dass er wieder gute Nachrichten verkünden muss. Also geht er auf Einkaufstour. Natürlich auch, weil die Aktionäre von ihm Wachstum auf dem heimischen Kontinent und nicht nur im sehr risikoreichen Lateinamerika fordern.

2,8 Milliarden Euro zahlte Alierta für 51 Prozent an Cesky Telekom. Kurz danach hieß es, er dränge in den türkischen Markt, dann kamen Gerüchte auf, Alierta habe Interesse an Portugal Telecom.

Auch wenn der Aktienkurs noch nicht davon profitiert, brachte Alierta neue Dynamik in den Konzern. Telefónica ist wieder da – und Alierta ebenso.

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