Nach Libor-Affäre

Linde-Chef Reitzle wettert gegen Banken

Der Vorstandschef des Dax-Konzerns rechnet in einem Interview mit der Finanzbranche ab. Mit der Libor-Affäre sei das letzte Vertrauen verloren gegangen. Reitzle fordert angesichts der kriminellen Energie einen Wandel.
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Linde-Chef Reitzle hat das Vertrauen in die Finanzbranche verloren. Quelle: dpa

Linde-Chef Reitzle hat das Vertrauen in die Finanzbranche verloren.

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Hamburg/DüsseldorfDer Vorstandsvorsitzende des Gase-Herstellers Linde, Wolfgang Reitzle, übt nach den jüngsten Skandalen in der Bankenwelt harte Kritik an der Branche. „Mit der Libor-Affäre ist vielleicht der letzte Rest Vertrauen verloren gegangen. Was soll man denn noch glauben, wenn der wahrscheinlich wichtigste Zins der Welt manipuliert wurde?“, sagt Reitzle im Interview mit dem „Manager Magazin“. Reitzle meint, die Banken hätten ihre Glaubwürdigkeit verloren und er mahnt die Finanzindustrie zur Veränderung.

Die Finanzwirtschaft habe sich „weitgehend von der Realwirtschaft abgekoppelt und ihre eigene Parallelwelt geschaffen, in der virtuelle Werte entstanden sind“, so der Manager des Dax-Konzerns. Diese jedoch hätten „leider die Eigenschaft, zu realen Verlusten der Volkswirtschaft zu werden“.

Reitzle fordert deshalb dringend eine Veränderungen in der Finanzbranche. Besonders die Struktur der Vergütungen und Anreize müsse überarbeitet werden. „Wenn ich sehe, was da – zum Teil ja schon mit krimineller Energie – abgelaufen ist, und wenn man dann noch hört, was einige Hedge-Fonds-Manager einstreichen, dann glaube ich, dass sich dringend etwas ändern muss.“

Der Chef des Industriegase-Konzerns hatte bereits bei der Euro-Krise klar Position bezogen. Als erster Manager eines Dax-Konzerns brachte er einen Euro-Austritt Deutschlands ins Gespräch. Er glaube zwar, dass die Rettung des Euros gelingen könne, aber er sei „nicht der Meinung, dass der Euro um jeden Preis gerettet werden muss“, sagte Reitzle im Interview mit dem „Spiegel“.

„Wenn es nicht gelingt, die Krisenländer zu disziplinieren, muss Deutschland austreten“, sagte Reitzle. Dieses Szenario sei für ihn nicht wünschenswert, „aber es darf auch nicht zum Tabu erklärt werden“. Für Griechenland sah er keine Chancen mehr, in der Währungsunion zu bleiben. Die Märkte hätten das Thema „längst abgehakt“.

Das Gedankenspiel von Reitzle war auf viel Zustimmung, aber auch auf Widerspruch gestoßen. „Die übergroße Mehrheit der mittelständischen Unternehmer in Deutschland will den Euro“, sagte etwa Mario Ohoven, Präsident des Bundesverbands der mittelständischen Wirtschaft, Handelsblatt Online.

  • dpa
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  • @Reichensteuer..
    ein Schelm der Ihnen unterstellt, das sie nur Halbwahrheiten verzapfen...

    Anfang November 2006 wurde diese Sparte von der Linde AG im Zuge der Gegenfinanzierung für den Erwerb von The BOC Group plc. für 4 Mrd. € an ein Konsortium der Finanzunternehmen Kohlberg Kravis Roberts & Co. (KKR) und Goldman Sachs veräußert.

    Also ein Gabelstaplerunternehmen gegen ein führendes Stickstoffgasunternehmen.

    Ich nenne das Produktekonzentrik.

  • Zusammenstellung der Mitglieder des EZB




    Präsident Mario Draghi (ehemals Wetbank und Goldman Sachs, ITALIEN)



    Vize-Präsident Vitor Constâncio (PORTUGAL)



    EZB Mitglied Benoît Cœuré (FRANKREICH)



    EZB Mitglied Peter Praet (BELGIEN)



    EZB Mitglied Junior Jörg Asmussen (DEUTSCHLAND)



    plus die Präsidenten/Gouverneure der EZB Zentralbanken (Griechenland, Zypern, Portugal, Spanien,...)



    Deutschland hat sich reinlegen lassen bei der Vergabe des Präsidentenposten: Draghi sei geldpolitisch disziplinierter als die Deutschen, so hiess es, als Weber abmontiert und weggelockt wurde. Nein, nicht der Ort (Frankfurt), sondern der Kopf der EZB (mehrheitlich Empfängerländer entscheidet!

    Wenn es jetzt nicht gelingt, Draghi et al an die Reissleine zu bekommen, dann zerstoert die EZB die Zukunft Europas.

  • Wenn denn Griechenland statt Deutschland aus dem Euro geht, rast der Zug nur weiter auf die Wand zu und wird der Schrecken am Ende noch größer für Deutschland und Europa.

    Nur Deutschlands Austritt aus dem Euro jetzt und die neue DM mit Heimholung der deutschen Goldreserven aus dem Ausland retten Deutschland vor immer weiteren wahnwitzigen Geldforderungen der anderen und geben gleichzeitig dem Resteuro bzw den Strukturschwachen die nötige Abwertung, um wirtschaftlich wieder wettbewerbsfähig zu werden und die finanzielle Notwendigkeit, die Ausgabenpolitik wieder realistisch an das Maß anzugleichen, daß man sich wirklich volkswirtschaftlich leisten kann. Und dann bekommen wir wieder Boden unter den Füssen.

  • Der Zug fährt gegen die Wand, Deutschland wird von den anderen heruntergezogen und wird selbst ertrinken, wenn es auf der Euroschiene so weitermacht. Deutschland muss sich also erst einmal freischwimmen, und das heisst, eine eigene Deutsche Währung.

    Das Gegenargument der Aufwertung muss man auch ein wenig differenzierter betrachten:

    1. Deutschland hatte auch zu DM Zeiten Handelsüberschüsse, nicht -defizite.

    2. Eine DM Aufwertung hatten wir ständig seit der DM Einführung und hat Deutschlands wirtschaftlichen und sozialen Wiederaufstieg nach dem Krieg doch nicht aufgehalten, sondern ganz in Gegenteil das Deutsche und in der ganzen Welt bewunderte Wirtschaftswunder erst hervorgebracht!

    3. 40% der Exportprodukte kommen selbst aus Importprodukten und werden also billiger durch eine Aufwertung der DM.

    4. Führt eine Aufwertung der DM zu mehr Kaufkraft der Deutschen Bevolkerung, das heisst, der deutsche Arbeitnehmer kriegt wieder etwas für sein Geld statt ständig zu verlieren, wie unter dem Euro! Das ist die sogenannte Sozialdividende. Deshalb ist ja auch der Lebensstandart in starken Wahrungsländern wie der Schweiz und in der Bundesrepublik zu DM Zeiten so hoch gewesen!

    5. Eine stärkere DM führt zu mehr Innenkaufkraft und damit mehr Importen, was anderen Ländern zugute kommt und deren Wirtschaftleistung fördert und hilft, von Transferleistungen unabhängig zu werden.

    6. Die Abwertungen, zB der Drachme und der Lira, führen zu deren Wettbewerbsstärkung und damit der Möglichkeit, nicht auf Pump anderer, sondern eigenständig zu wachsen.

    7. Summa summarum werden Europa und die Welt nicht stärker, wenn die letzten noch funktionierenden Wirtschaften auch noch kurzsichtig kaputtgemacht werden.

    Deswegen sind als Minimum der ESM Stopp, der deutsche Euroaustritt und die Wiedereinführung der DM notwendig und selbstverantwortliche Länderwährungen in Europa, so wie vor dem Euro, um wirtschaftlich wieder in Fahrt zu kommen.

  • Hr. Reitzle hat die MaterialHandling-Sparte der Linde AG für 4 Mrd. Euro an zwei Heuschrecken verkauft, die nun das Unternehmen ausplündern: Das Unternehmen hat inzwischen nur noch ein Eigenkapital von -488 Millionen Euro und wird gerade weiterverscherbelt.
    Hr. Reitzle hat dafür einen lukrativen Beratervertrag bekommen- ein Schelm wer Schlechtes dabei denkt;-))

  • Das Gefährdungspotential von Großbanken und Mischbanken aus Geschäfts- und Investmentbanken war doch schon vor dem Crash offenkundig. Dass „heimlich“ Guthaben von Girokonten für hoch spekulative Investments benutzt wurden und, dass Investments für die Banken wesentlich profitabler waren, als Kreditvergaben an die Wirtschaft, wusste jeder Insider ebenso, wie auch die staatliche Bankenaufsicht. Das Gebaren der Banken vollzog sich also unter Aufsicht und Kontrolle des Staates. Auch dieser Aspekt sollte in einer Aufarbeitung angemessen gewürdigt werden.

  • Da muss ich widersprechen, waren es nicht die Landesbanken die sich im großen Stil verzockt haben? M.W. gehören die zum Sparkassenverband. Nur mal so....

  • Leider wird immer von den "Banken" gesprochen. Warum sagt keiner die Finanzindustrie samt Groß- und Schattenbanken. Möchte hiermit die kleinen Raiffeisenbanken und Sparkassen ausklammern. Das macht leider niemand.

  • Island ist ein gutes Beispiel dafür, wie man, wenn man konsequent und realistisch handelt, aus einer Krise auch wieder herauskommt. Dazu muß man aber politisch souverän sein und eine eigene Währung haben.
    Den Griechen wird überhaupt nicht geholfen sein, wenn sie in der Euro-Zone bleiben, im Gegenteil.
    Die einzige Industrie, die in Griechenland einigermaßen funktioniert ist die Tourismusindustrie. Durch Abwertung einer neuen Drachme kann diese Industrie in Hinblick auf ihren unmittelbaren Wettbewerber Türkei auch wieder kokurrenzfähig werden.
    Die Türkei steht mit eigener Währung nach einer tiefen Krise vor einigen Jahren wieder sehr gut da und zwar auf eigenen Beinen, sprich einer eigenen Währung.
    Das ist der Unterschied zwischen staatlicher währungspolitischer Souveränität und Fremdbestimmung.

  • Ja, er hat ein hohes Gehalt verdient. Und die Leistung steht außer Frage. Und man kann auch ihre Meinung vertreten. Aber ich selbst denke, dass selbst herovrragende Leute nicht "reich" sein müssen und ihren "Reichtum" innerhalb eines Jahres verdienen müssen. Warum sollten solche exzellente Manager nicht auch bescheiden leben? Wieso müssen sie das 1000-fache verdienen. Ich bin weit entfern davon, Obergrenzen zu befürworten, aber ich prangere deren Gier an.

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