Nachgefragt: Bodo Holz*
„Viele Know-how-Träger im Vorruhestand“

Autorückrufe, defekte Siemenszüge und Toll Collect – warum werden Produkte „made in Germany“ immer schlechter?

Hier muss man differenzieren. Wenn wir zum Beispiel beim Auto bleiben, müssen wir feststellen, dass es natürlich Qualitätsprobleme gibt. Gleichzeitig hat sich das Qualitätsempfinden der Kunden stark verändert. Die Tür eines VW-Golf schließt heute ringsum auf einen Millimeter, was eine Folge der Qualitätsoffensive eines Ferdinand Piëch ist. Derartige Verbesserungen nimmt der Kunde als gegeben hin, aber wenn das Navigationssystem nicht funktioniert, wird das dem Image Volkswagens bei diesem Kunden nicht gerade dienlich sein.

Das heißt: Es gibt ein Qualitätsproblem, aber nicht nur in Deutschland. Auch in Japan oder in den USA wird über Qualität diskutiert.

Was liegen die Ursachen für die vielen Negativmeldungen?

Es gab in den letzten Jahren riesige Prozessverlagerungen zwischen Herstellern und den Zulieferern. Großkonzerne haben Produktions- und Entwicklungsschritte an zum Teil weniger erfahrene Zulieferer ausgelagert, die erst die entsprechenden Qualifikationen aufbauen mussten. Das ging nicht ohne Schmerzen. Ein zweiter Grund, der nur Deutschland betrifft, ist, dass Anfang und Mitte der 90er Jahre im Zuge von Restrukturierungen viele Know-how-Träger in den großen deutschen Unternehmen in den Vorruhestand geschickt wurden. Die Folgen dieses Wissensverlusts sind mittlerweile deutlich zu sehen.

Wer hat in den Unternehmen Schuld an der Qualitätsmisere?

Oft gibt es auch innerhalb der Unternehmen Probleme, zum Beispiel zwischen den Bereichen Entwicklung und Einkauf. Die Entwicklungsabteilungen entwerfen etwas, und die Einkäufer stehen dann unter dem Druck der Controller, die Teile möglichst billig zu beschaffen. So kann ein läppischer Schalter an einem Auto, den der Hersteller für 1,50 Euro in Korea besorgt, zum Beispiel daran schuld sein, dass sich die Autobatterie nicht mehr auflädt. Wenn das Teil dann nicht mehr zu bekommen ist, schimpft man natürlich auf die Automarke und nicht auf den Schalterhersteller in Korea. Denn die Autokonzerne sollen zwar preiswert einkaufen, aber nicht möglichst billig.

Ein weiterer Grund ist, dass die Produktpaletten immer breiter ausdifferenziert werden und neben dem Kernmodell zum Beispiel bei einem Auto auch ein Cabrio, ein Kombi oder ein Geländewagen auf den Markt gebracht werden. Da fragt man sich schon, ob all die Modelle ausreichend erprobt werden. Einiges spricht dafür, dass es nicht so ist – zum Beispiel die Tatsache, dass einige Unternehmen heute höhere Qualitäts- als Entwicklungskosten haben. Das heißt, sie müssen inzwischen mehr Geld für Reparaturen, Rückrufe und Ähnliches ausgeben als für den Entwurf und die Erprobung eines Modells.

Und wir Verbraucher werden weiterhin als Testfahrer missbraucht?

Viele Unternehmen haben diese Entwicklung erkannt und versuchen, sie zurückzudrehen. Im Bereich der Groß-LKW hat Daimler-Chrysler zum Beispiel beim neuen Modell „Actros“ kein Problem mehr mit den Qualitätskosten. Es dauert eine Weile, die Probleme in den Griff zu bekommen, das System muss sich erst wieder austarieren. Ich denke, dass das auch Erfolg haben wird.

Aber fraglos ist es ein Debakel für den Standort Deutschland, wenn man hört, dass zum Beispiel Neigetechnikzüge wegen Problemen an den Achsen zurückgerufen werden müssen. Das ist ja kein neues Hightech-Thema. Das ist der gute alte Maschinenbau, so etwas haben die Leute vor 100 Jahren beherrscht. Im Ausland beobachtet man das natürlich mit Kopfschütteln.

Die Fragen stellte Lars Reppesgaard.

* Bodo Holz ist Diplom-Ingenieur und Chef von Management Engineers in Düsseldorf.

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