Nachruf
Merckle, der grundsolide Mensch

Der schwäbische Unternehmer Adolf Merckle zerbricht daran, dass sein Lebenswerk gefährdet ist – und wählt den Freitod. Ein Portrait über eine der tragischsten Figuren der deutschen Wirtschaftsgeschichte.

STUTTGART/FRANKFURT. Montag, 5. Januar 2009. Es beginnt zu schneien auf der Schwäbischen Alb und hört an diesem bitterkalten Tag nicht mehr auf. Alles verschwindet unter einer weißen Schneedecke. Irgendwann am Nachmittag verlässt Adolf Merckle sein Haus oberhalb von Blaubeuren und kommt nicht mehr zurück.

Einen Tag später bestätigt die Familie das tragische Ende ihres Oberhaupts, eines hochdekorierten Unternehmers, der ein Firmenimperium aufgebaut hat, am Ende jedoch in Schieflage geriet, keinen Ausweg mehr sah und sich schließlich nahe seines Heimatortes vor einen Zug wirft.

Er habe für seine Familie und seine Firmen gelebt und gearbeitet, heißt es in einer knappen Erklärung. „Die durch die Finanzkrise verursachte wirtschaftliche Notlage seiner Firmen und die damit verbundenen Unsicherheiten der letzten Wochen sowie die Ohnmacht, nicht mehr handeln zu können, haben den leidenschaftlichen Familienunternehmer gebrochen, und er hat sein Leben beendet.“

Nicht nur sein Ende, auch der Werdegang des Unternehmers Adolf Merckle war ungewöhnlich. In den 70er- und 80er-Jahren von vielen noch kaum beachtet, formte er aus einem kleinen, vom Vater geerbten Arzneimittelhersteller einen der größten Generikahersteller Europas. Später folgen der Aufbau des Pharmahändlers Phoenix, der Kauf weiterer Firmen, etwa des Elektromotorenherstellers VEM oder des Pistenraupen-Herstellers Kässbohrer, die Beteiligung an Skilift-Betreibern und Waldbesitz, und schließlich die Mehrheits-Übernahme bei Heidelberg Cement.

Mehr als 100 000 Menschen beschäftigt das Industrie-Konglomerat der Merckle-Familie am Ende. Doch trotz der Großkonzerndimensionen ist es dem 74-Jährigen fast bis zum Schluss gelungen, das Image des bodenständigen, grundsoliden schwäbischen Mittelständlers zu wahren.

Es sei besser, „andere reden und repräsentieren zu lassen, um selbst in Ruhe zu arbeiten“, umschrieb der Macher seine Devise. Der einzige Luxus, den er sich gönnt, sind ausgedehnte Bergtouren mit seiner Ehefrau Ruth in die Anden und dem Himalaya. Ansonsten gibt Merckle stets den sparsamen Schwaben. Noch vor einem halben Jahr schätzte das US-Magazin „Forbes“ das Vermögen der Unternehmerfamilie auf mehr als neun Milliarden Euro.

Doch schon wenige Monate später offenbaren sich gefährliche Risse in den Fundamenten des Merckle-Imperiums. Ein starker Kurseinbruch bei Heidelcement und Verluste bei Spekulationsgeschäften mit VW-Aktien stürzen den Familienkonzern unversehens in Liquiditätsnöte und damit in eine Existenzkrise. Es wird klar, dass Merckle mit der kreditfinanzierten Mehrheitsübernahme des Baustoffkonzerns Heidelberg Cement und dessen späterer Expansion einen gefährlichen Weg eingeschlagen hat. Er hat seinem Imperium zu viele Schulden aufgeladen und wird von der Finanzkrise brutal überrascht.

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