Nachteile für Mandanten befürchtet
Börsengang? Kanzleien winken ab

Eine australische Rechtsanwaltskanzlei plant den Börsengang. Die Sozietät Slater & Gordon will vor allem fachfremde Anteilseigner wie Banken oder Versicherungen als Investoren gewinnen.

BERLIN. Die Umwandlung in eine Aktiengesellschaft (AG) soll umgerechnet 21,5 Mill. Euro in die Kasse spülen, schreibt das Branchenblatt "The Lawyer". Mit dem Geld wollen die Australier in Asien expandieren. International agierende Kanzleien in Deutschland reagieren jedoch ablehnend: Sie fürchten um ihre Unabhängigkeit und warnen vor undurchsichtigen Strukturen - zum Nachteil der Mandanten.

Dabei könnten die Anwaltskanzleien in Deutschland das Geld auch gut gebrauchen. Nicht nur Expansionspläne sind teuer. Die Gehälter in den Top-Kanzleien, Mieten in Spitzenlagen, exklusive Büroausstattungen, das alles verschlingt viel Geld. Eine Finanzspritze über einen Börsengang könnte deshalb durchaus für viele Kanzleien verlockend sein.

Markus Hartung, Managing Partner von Linklaters Deutschland, winkt trotzdem ab: "Linklaters muss als Partnerschaft auch wirtschaftlich unabhängig sein, um unabhängig Rechtsrat erteilen zu können", sagt Hartung. Eine Finanzierung durch Fremdkapital sei bei Linklaters darüber hinaus auch nicht erforderlich.

Rechtsanwalt Jobst Bauer, -Hubertus der an der Spitze des Sozitätsrates der Kanzlei Gleiss Lutz in Stuttgart mit 230 Anwälten steht, hält von einem Börsengang ebenfalls nichts: "Keiner weiß, was in 20 Jahren ist, aber für unsere Kanzlei käme ein Börsengang derzeit nicht in Frage", sagt Bauer. Gleiss Lutz brauche kein zusätzliches Geld, um es in neue Büroräume zu stecken. Das Kapital der Kanzlei seien vielmehr gute junge Juristen. Die seien aber Mangelware, sagt Bauer.

Rechtlich steht der Gründung einer Aktiengesellschaft (AG) nach einem Urteil des Bundesgerichtshofs (BGH) nichts im Weg. Während es längst eine Vielzahl von Anwaltskanzleien in der Rechtsform der GmbH gibt, um die Haftungsrisiken zu mindern, hat sich bislang aber nur die AURiS AG aus Dortmund entschlossen, als AG zu firmieren.

Im Gegensatz zu dem Fall in Australien dürfen jedoch nur Berufsgruppen investieren, mit denen die Anwälte sich nach der Bundesrechtsanwaltsordnung (BRAO) zusammenschließen dürfen: Wirtschaftsprüfer oder Steuerberater. Investorengruppen wie Versicherungen, Investmentbanken oder Private-Equity-Fonds kommen nicht in Frage.

Markus Hauptmann, Executive Partner der Kanzlei White & Case in Frankfurt hält die Regelung für sinnvoll. "Die anwaltliche Verschwiegenheitspflicht und das besondere Vertrauensverhältnis zum Mandanten stehen nach unserer Auffassung - unabhängig von dem derzeit geltenden Standesrecht - im Widerspruch zur notwendigen Kapitalmarkttransparenz und zu Quartalsabschlüssen börsennotierter Gesellschaften", sagt Hauptmann.

Obwohl in Deutschland nur eine Fremdbeteiligung an Kanzleien von so genannten Berufsträgern möglich ist, also nicht Versicherungsgesellschaften oder Banken, sorgt eine Entwicklung in Großbritannien für Unruhe. Auf der Insel soll möglicherweise noch in diesem Jahr ein Gesetz zur Kanzlei-AG in Kraft treten. Dieser Gesetzentwurf sieht ganz im Gegensatz zu Deutschland vor, dass auch Private-Equity-Fonds oder Banken investieren könnten.

Die Gesetzgebung in Großbritannien sorgt auch bei Axel Filges, Vizepräsident der Bundesrechtsanwaltskammer (BRAK), für Unverständnis. "Börsennotierte Kanzleien wären aus Sicht der Verbraucher nicht gut", sagt Filges. Der Mandant könne nicht mehr sehen, welche Interessen hinter der Kanzlei stünden, der er vertraue, sagt Filges. Von der Vorstellung, dass Banken und Versicherungen sich einen Anwalt kauften, der dann in diesem renditestarken Markt arbeiten könne, warnt der Vorsitzende des Ausschusses Internationale Sozietäten bei der BRAK.

Aufmerksam beobachtet Markus Hartung, Managing Partner von Linklaters Deutschland, zudem die Pläne des Rechtsdienstleistungsgesetzes, das im Mai in den Rechtsausschuss des Bundestages kommt: "Das Gesetz sieht den Hinterzimmeranwalt vor", sagt Hartung. Da dürften Banken einen Anwalt beschäftigen, der auf der einen Seite die anwaltlichen Grundsätze der Unabhängigkeit hochhalten solle. Auf der anderen Seite sei der Anwalt vom Unternehmen abhängig. "Wie das zusammenpasst, kann mir keiner erklären."

Der Autor ist Ressortleiter Wirtschaft und Politik.
Thomas Sigmund
Handelsblatt / Ressortleiter Politik und Leiter des Hauptstadtbüros
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