Neckermann
Das Prinzip Hoffnung

Im der Quelle-Zentrale hat Neckermann-Chef Koopmann sich keine Freunde gemacht, als er sich schon früh gegen Staatshilfen für Quelle aussprach. Dabei ist auch die Liste der Probleme im eigenen Haus lang. Koopmann braucht dringend eine Strategie, um den Versandhändler in die schwarzen Zahlen zu führen.
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DÜSSELDORF. Kurz legt sich seine hohe Stirn in Sorgenfalten, dann reißt Henning Koopmann die Hände hoch – so, als wolle er die Frage gar nicht erst an sich herantreten lassen: ob er sich mit seinem Mentor Marc Sommer, dem langjährigen Versandvorstand des inzwischen insolventen Arcandor-Konzerns, wieder ausgesöhnt habe. Der 45-jährige Neckermann-Chef presst die Lippen zusammen: Darüber wolle er nicht sprechen. „Nichts wird so heiß gegessen, wie es gekocht wird“, bemüht er sich, den Streit kleinzureden.

Doch der schlug hohe Wellen. „Opportunismus, Charakterlosigkeit und Zynismus“ warf Sommer vor drei Monaten Koopmann vor, den er zweieinhalb Jahre zuvor eigenhändig an die Spitze des Arcandor-Versenders Quelle gehievt hatte. Er bedauere im Nachhinein sehr, schimpfte Sommer in einer E-Mail an den Ex-Kollegen, „dich der Quelle zugemutet zu haben und deine Einstellung bei Neckermann.de positiv begleitet zu haben“.

Dabei hatte Koopmann in der Sache durchaus Zutreffendes behauptet. „Ich finde es unfair, wenn Quelle vom Staat unterstützt wird“, äußerte er Ende Juni in einem Interview. Ein Staatskredit sichere kurzfristig vielleicht 8 000 Arbeitsplätze bei Quelle, gefährde aber 72 000 Arbeitsplätze bei anderen Versendern.

Seither vermeidet es Koopmann, in der Öffentlichkeit über Marc Sommer, den er schon aus gemeinsamen Zeiten beim Bertelsmann-Buchclub kennt, und über dessen einstigen Arbeitgeber Arcandor zu reden.

Aus gutem Grund: Mit 49 Prozent ist der Essener Pleitekonzern immer noch Gesellschafter bei Neckermann, auch wenn der US-Investor Sun Capital Mitte 2007 die Mehrheit an dem Frankfurter Versender übernahm. Entsprechend müht sich Koopmann, Spekulationen über Kollateralschäden durch den Fall des Minderheitsgesellschafters und dessen Versandtochter Quelle erst gar nicht aufkommen zu lassen. „Wir arbeiten völlig autark“, sagt er. Aus der Arcandor-Insolvenz seien keine Risiken für Neckermann zu erwarten.

Was aus dem Anteil wird, dessen Verkaufserlös dem Insolvenzverwalter von Arcandors Versandholding Primondo zufiele? „Dazu sagen wir nichts“, gibt sich Koopmann wortkarg. Fraglich ist schon jetzt, ob sich dafür überhaupt ein Käufer fände. Schließlich hatte schon Sun Capital Neckermanns Mehrheit nur übernommen, nachdem der damalige Arcandor-Chef Thomas Middelhoff noch 50 Mio. Euro obendrauf legte. Seither ging es mit dem Umsatz weiter bergab: In Deutschland wird Neckermann nach 820 Mio. Euro im Vorjahr auf nun noch 747 Mio. Euro kommen. Und auch das Auslandsgeschäft, das ein Drittel zum Gesamterlös beiträgt, schwächelt wegen der stark gefallenen Wechselkurse in Osteuropa.

In die schwarzen Zahlen hat Neckermann längst noch nicht zurückgefunden. 2007 hatte der Versender in den ersten neun Monaten unter der Ägide von Arcandor 28,5 Mio. Euro Verlust eingefahren. Und auch im Weihnachtsquartal hatten die neuen Besitzer einen operativen Verlust von zehn Mio. Euro zu beklagen. 2008 fiel das Geschäft noch enttäuschender aus, wie Koopmann bestätigt.

Koopmann steuert jetzt mit aller Kraft dagegen: In den kommenden fünf Jahren sollen 83 Mio. Euro in die IT fließen, um unter anderem das Online-Geschäft auszubauen – auf bis zu 80 Prozent des Konzernumsatzes. „Wir wollen ein echter Online-Händler werden“, gab Koopmann gestern den Weg vor. Gleichzeitig spart das Unternehmen bei den Produktionskosten für den Katalog und baut 140 Mitarbeiter im Außendienst ab.

In Frankfurt regiert jetzt das Prinzip Hoffnung. Im laufenden Jahr habe man die Kosten um 42 Mio. Euro senken können, sagt der Neckermann-Chef, eine „schwarze Null“ – vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen – erwarte man aber erst 2010. Potenzielle Unternehmenskäufer wird er damit kaum ködern können.

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