Neuber meinte es immer ernst, wenn er über den Zusammenhang von Politik und Wirtschaft redete
Die Macht vom Rhein ist tot

Am Samstag ist der frühere WestLB-Chef Friedel Neuber im Alter von 69 Jahren überraschend an Herzversagen gestorben. Er war ein Quereinsteiger: Ohne Abitur und Studium schaffte der Sohn eines Eisenbahners aus Rheinhausen den Sprung nach oben.

DÜSSELDORF. In der Bar des Steigenberger Hotels in Düsseldorf kam Friedel Neuber weit nach Mitternacht mit einem Glas Whisky in der Hand zur Sache: „Sie wollen eine demokratische Partei in Russland aufbauen?“ belehrt der damalige Chef der Westdeutschen Landesbank den russischen Parlamentsabgeordneten Grigorij Jawlinskij: „Dann brauchen Sie Verbindungen zur Wirtschaft und vor allem viel Geld. Vielleicht kann ich ein wenig helfen ...“ Ungläubig beugt sich der Politiker zu seinem deutschen Bekannten, der an diesem Abend als Dolmetscher eingesprungen ist, und raunt auf Russisch: „Meint der das ernst, wenn er so etwas sagt?“

Neuber meinte es immer ernst, wenn er über den Zusammenhang von Politik und Wirtschaft redete. Die Szene aus dem Frühjahr 1993 war in gewisser Weise symptomatisch für einen Mann, für den die Übergänge zwischen seinen politischen Absichten und wirtschaftlichen Zielen stets fließend waren.

Von 1981 bis 2001, war Neuber, 1,96 Meter groß, als WestLB-Lenker die eigentliche Macht an Rhein und Ruhr. Die Spitzen von Politik und Wirtschaft brauchten ihn. Am augenscheinlichsten wurde das immer dann, wenn mal wieder ein Unternehmen im sozialdemokratisch regierten Nordrhein-Westfalen in der Krise steckte: Ob beim Anlagenbauer Babcock oder beim Maschinenbauer Gildemeister – wollten die roten Ministerpräsidenten Johannes Rau und später Wolfgang Clement Industriepolitik machen, ging das nicht ohne die WestLB, (43,2 Prozent der Bank gehören dem Land) und Neuber. Rau etwa pflegte dann gerne zu sagen: „Der Friedel macht das schon.“

In diesen Momenten wirkte der Amtssitz des Ministerpräsidenten, das Düsseldorfer Stadttor, jenes breitbeinige Hochhaus nahe des Rheins, wie amputiert von der Hüfte an aufwärts. Das Oberteil fand man jeweils ein paar Hundert Meter weiter, klar, in der Herzogstraße, der Zentrale der WestLB, einst das viertgrößte Geldinstitut der Republik. Hier schlug das Herz der NRW-AG. Eine machtvolle Bündelung des Kapitals, die sich in Beteiligungszahlen ausdrückte: 33 Prozent gehörten der WestLB früher an der Preussag, zehn Prozent an Babcock, zehn Prozent an VEW, auch Anteile an Thyssen-Krupp und der LTU. Darüber hinaus hatte Neuber bis zuletzt als Aufsichtsratschef bei RWE und der Tui das Sagen und war Kontrolleur bei Thyssen-Krupp und der RAG.

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