Neue Ideen für eine Krisenbranche
Amir Kassaei: Der kreative Zerstörer

Als 14-Jähriger musste er für den Iran im ersten Golfkrieg kämpfen. Heute ist Amir Kassaei der schillerndste Werber Europas. Der ehemalige Asylbewerber mit Wiener Schmäh hat die ganze Kreativbranche umgekrempelt und ist einer der meistausgezeichneten Werber der Welt.

Die Revolution trägt einen karierten Anzug und braucht an diesem Abend ein wenig Anlauf, um ins Rollen zu kommen. Amir Kassaei betritt die Bühne vor etwa 1 000 Gästen und macht, was er sonst selten macht: Er lobt, er schmeichelt. Es ist, als habe ein Hochdruckreiniger plötzlich auch eine Warmdusch-Funktion. Der Mann mit dem kahlgeschorenen Kopf und dem Wiener Akzent weiß: Wenn er sein Ziel erreichen will, muss er an diesem Abend vor der versammelten Elite der deutschen Kreativwirtschaft, die auf Einladung des Art Directors Club (ADC) zu dessen Jahreskongress zusammengekommen ist, bescheiden auftreten. Nicht so polternd wie sonst. Denn der 39-Jährige möchte seinen Berufsstand revolutionieren. Dafür braucht man Verbündete – und die kriegt man nicht, wenn man sie vor den Kopf stößt. Also sagt Kassaei erst mal: „Danke.“

Vermutlich sind das die Konsequenzen, wenn ein Querkopf zum Verbandsmenschen wird. Genau das versucht Kassaei gerade. Der Mann, der mit der Agentur DDB eine Karteileiche der deutschen Werbewirtschaft zum Vorzeigeunternehmen getrimmt hat, lässt sich jetzt in Verantwortung für seinen Berufsstand nehmen. Als Vorstandssprecher des ADC, dem Zusammenschluss der deutschen Kreativ-Elite, soll er der deutschen Werbebranche Orientierung geben.

Für einen Mann, der seinen Kollegen gerne mal öffentlich bescheinigt, das Champagner-Glas in der Hand, „mit 300 Sachen vor die Wand zu brettern“, und der wegen seiner pointierten Redeweise so viele Feinde wie Bewunderer hat, ein bemerkenswerter Wandel. Dabei ist unumstritten: Wenn einer in Deutschland das Zeug zum Reklame-Revoluzzer hat, dann ist es Amir Kassaei. Jener Mann, der neue Werbeformen in Deutschland salonfähig gemacht hat und schließlich als einziger Europäer zu einem der drei kreativsten Werber der Welt gekürt wurde. Ein schillernder Außenseiter, eine Lichtgestalt für eine Zunft mit düsteren Aussichten. Kurz: ein bisschen Obama für einen gebeutelten Wirtschaftszweig.

Der Aufstieg eines Asylbewerbers aus dem Orient zum erfolgreichsten Kreativen Europas beginnt an einem der dunkelsten Flecken der Weltgeschichte – an der iranischirakischen Grenze. Zwei Staaten, so verfeindet, dass es in den 80er-Jahren zum Krieg kommt. Es ist ein Kampf, der am Ende von Soldaten geführt wird, die in Kinderstiefeln viel zu große Waffen durch den Wüstensand schleppen und sich gegenseitig mit Chemiewaffen beschießen. Es sind Soldaten wie Amir Kassaei, 14 Jahre alt. Weil die Eltern das nötige Geld haben, kaufen sie dem Sohn einen Platz im Kofferraum eines Schleuserfahrzeugs, mit dem er während eines Fronturlaubs in die Türkei flieht.

Von dort gelangt der junge Iraner nach Wien, wo er sich mit Gelegenheitsjobs durchschlägt, dank seiner verwandtschaftlichen Beziehungen bald die Staatsbürgerschaft erhält, später seinen Zivildienst auf einer Sterbestation leistet und zur Not auch mal die Straßen kehrt. Es sind Jahre, die ihm ins Gedächtnis meißeln, dass das Leben nicht aus Glitzer und Glamour besteht. Jahre, die den Grundstein für einen Charakter legen, der Grenzen bis ans Äußerste austestet, der stur seinen Weg geht und der aus seiner eigenen Biografie ein Selbstbewusstsein zieht, das ihn unabhängig von der Meinung anderer macht.

An einem der ersten Berliner Frühsommertage in diesem Jahr hat Kassaei die Farbe der Unschuld gewählt: Er hat eine weiße Stoffhose zum weißen Hemd angezogen und die weißen Sportschuhe geschnürt. Er ist wie immer bereits früh am Morgen in seinem Loftbüro an der Neuen Schönhauser Straße unweit der Hackeschen Höfe. Die Regale sind voll gepackt mit Auszeichnungen aus einem Jahrzehnt Werbekarriere. Nach Gesprächen mit seinen Mitarbeitern fläzt er sich auf das Sofa seiner Sitzgruppe und zündet eine jener Muratti-Zigaretten an, von denen immer eine zwischen den Lippen klebt. Kassaei nimmt einen Zug und schaltet in den Offensivmodus. Wann die Wirtschaftskrise vorbei sei? Wie sie die Gesellschaft verändere? Wann die Menschen aufbegehren? Kassaei diskutiert am Anfang eines Gesprächs gerne die großen Fragen des Lebens. Das gibt ihm Gelegenheit, den Gesprächspartner auszutesten. Und es sendet gleich das Signal, dass der Chefkreative über den Tellerrand der Werbung hinausdenkt.

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