Neuer Chef der Finanzgruppe ING
Jan Hommen: Der unbestechliche Sanierer

Sein gutmütiges Lächeln und seine runde Lehrerbrille passen nicht so recht zum Ruf, der Jan Hommen vorauseilt. Er gilt als harter Sanierer, unbestechlich und integer. Und: Er ist kein gelernter Banker. All das sind Eigenschaften, die ihn zum perfekten Nachfolger für Michel Tilmant an der Spitze des niederländischen Finanzkonzerns ING machen.

BRÜSSEL. Tilmant war Ende Januar überraschend zurückgetreten, Ende des Monats soll Hommen offiziell zum neuen CEO ernannt werden.

Hommen steht für einen Neuanfang bei ING, für einen Blick von außen ohne belastende Vergangenheit im Finanzsektor. Dennoch wird es für den 65-Jährigen nicht einfach. Der einstige Erfolgskonzern des Polderlandes schrieb im vergangenen Jahr einen Verlust von über 700 Mio. Euro. Die Regierung musste der Bank mit zehn Milliarden unter die Arme greifen.

Aber Hommen liebt Herausforderungen. Im Oktober vergangenen Jahres hatte ihn die niederländische Wirtschaftspresse zum „mächtigsten Manager“ des Landes gekürt. Er war in den vergangenen Jahren als Aufsichtsratsmitglied in zahlreichen internationalen Konzernen aktiv, darunter der Milchkonzern Campina und der Verlag Reed Elsevier.

Aber das hat dem Niederländer offenbar noch immer nicht gereicht. Für neue Aufgaben hat er seine ursprünglichen Pläne aufgegeben, in die Vereinigten Staaten zurückzugehen, wo er 20 Jahre lang beim Aluminiumhersteller Alcoa in der Manageretage gearbeitet hat. Seine Kinder leben noch immer dort, aber Hommen kam 1997 zurück in die holländische Heimat – schon damals als Feuerwehrmann. Cor Boonstra wollte Hommen in seinem Team haben, um den damals maroden Elektronikkonzern Philips umzustrukturieren. Tausende Arbeitsplätze wurden gestrichen, Hommen ließ ganze Produktsektoren aus dem Unternehmen verschwinden. Heute steht Philips gesünder da als viele Konkurrenten.

Nun hofft die niederländische Regierung auf eine ähnliche Erfolgsgeschichte für ING. Auch diesmal sollen dabei Stellenstreichungen helfen; bisher steht die Zahl von 7 000 Posten im Raum. Hommen, der ING bereits aus seiner Tätigkeit als Aufsichtsratspräsident kennt, hat angekündigt – ganz nach dem Beispiel Philips – einige Geschäftssparten bei ING zu verkaufen. Insgesamt solle die Bank eher schrumpfen als wachsen, erklärte der studierte Betriebswirtschaftler: „Wir müssen uns auf unsere Kerngeschäfte konzentrieren.“

Die Erwartungen an ihn sind hoch – auch als Kommunikator im Unternehmen: „Er will wissen, was die Menschen antreibt, er schafft immer eine verbindliche Atmosphäre bei Spannungen in der Belegschaft“, sagt einer seiner ehemaligen Kollegen bei Campina. Durch einen umfassenden Konzernumbau will er in diesem Jahr eine Mrd. Euro einsparen. Ab 2010 soll die Ersparnis bei 1,1 Mrd. Euro liegen.

Auch über die traditionellen Sparpläne hinaus hat Hommen schon vor seinem offiziellen Antritt Schlagzeilen gemacht: Er forderte die Topmanager seines Unternehmens auf, die Bonuszahlungen für das vergangene Jahr nicht anzunehmen und versprach, Prämien in Zukunft nur noch auszuzahlen, wenn die Bank Gewinne erwirtschaftet. „Das ist eine Frage der Moral“, so Hommen. Der niederländische Finanzminister Wouter Bos begrüßte den Appell als einen „guten Anfang, aber noch nicht genug.“

Bei all den schönen Vorsätzen sollte man allerdings eines nicht vergessen: In Geldnot ist Hommen persönlich garantiert nicht. Nach seinem Ausscheiden bei Philips vor vier Jahren verkaufte er seine Konzernaktien und verdiente daran mehrere Mio. Euro. Der Verzicht auf Bonuszahlungen in diesem Jahr wird ihm also nicht sonderlich schwer fallen.

Ruth Reichstein
Ruth Reichstein
Handelsblatt / Korrespondentin
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