Neuer IHK-Präsident
Tonnelier, der Integrator

Sein ganzes diplomatisches Geschick wird Hans-Joachim Tonnelier wohl brauchen, wenn ihn heute Abend die Vollversammlung der Frankfurter Geschäftsleute in der IHK zum neuen Präsidenten wählt. Muss er doch ein Haus befrieden, das in den vergangenen Monaten mehr mit sich selbst beschäftigt war, als mit der Standortpolitik eines der wichtigsten Wirtschaftsplätze Deutschlands, seit Präsident Joachim von Harbou im April seinen Rücktritt ankündigte.

FRANKFURT. Vorausgegangen war ein bizarres Gerangel um Posten, Macht und Menschliches. Zum Schluss waren die Fronten unversöhnlich. Offiziell stritt man darüber, ob Ex-Präsident Joachim von Harbou rechtmäßig gewählt worden war. War er doch damals im Frühjahr 2004 kein Unternehmer im eigentlichen Sinne mehr gewesen, sondern Aufsichtsrat beim Immobilienfinanzierer Eurohypo. Doch hinter den Kulissen ging es ums Recht haben und ums Macht behalten. Zu viel, zu schnell, zu autoritär für manche habe der einstige Dresdner-Bank-Vorstand von Harbou die Interessenvertretung der rund 84 000 Firmen verändern wollen, heißt es. Fordernd sei er gewesen, sagen Gremiums-Kreise, ein Mensch, der polarisiert.

Der 59-jährige Tonnelier dagegen gilt als verbindlich, als jemand der Brücken baut, den Ausgleich sucht. Ein Diplomat, der das Gespräch im kleinen Kreis liebt und dem als Genossenschaftsbanker Verbandspolitik mit wechselnden Mehrheiten wohl vertraut ist.

Anders als von Harbou will Tonnelier in seinem neuen Amt viel delegieren, begreift die Präsidentschaft als Ehrenamt. Stärke und Geschlossenheit der drittgrößten Kammer Deutschlands will er wieder herstellen sagt er, die Expertise der Geschäftsführer und Vizepräsidenten nutzen.

Das wird er auch müssen, sagen die, die ihn kennen. Sehr viel Zeit werde er der Lobbyarbeit nicht widmen können; sein Herzblut stecke in der Frankfurter Volksbank, deren Vorstand er seit 1981 angehört. Seit zehn Jahren ist er Chef der zweitgrößten deutschen Volksbank. Zwölf Genossenschaftsbanken hat das Institut unter seiner Ägide übernommen, Schritt für Schritt und unbeirrbar. Die Vorsicht habe er nie außer Acht gelassen, heißt es. Das macht er nur manchmal, beim Mountainbiken, aber nie im Geschäft.

Zielstrebig, ehrgeizig und sehr geschäftstüchtig sei er schon als junger Mann gewesen, sagen frühere Vorgesetzte. Mit 21 war er Zweigstellenleiter in Saarbrücken, mit 29 Niederlassungsleiter der Allgemeinen Deutschen Kreditanstalt (ADCA), die heute der niederländischen Rabobank gehört, mit 33 Vorstand der Frankfurter Volksbank.

Das Bankgeschäft dürfte er schon dem Vater abgeschaut haben. Der war Volksbankdirektor in Felsberg, einem 1000-Seelen-Dorf nicht weit von Saarlouis. Im Sitzungsraum des Instituts hat der Junge gelegentlich in der Ecke gespielt, während die Erwachsenen tagten. So manch Vertrauliches hörte er dort mit, wenn sein Vater und die Väter der anderen Jungs verhandelten. Seine Kameraden traf er dann im Sportverein, wo Tonnelier als Rechtsaußen kickte, oder in der katholischen Jugend und bei den Pfadfindern. Da wusste er später manches einzuordnen, besonders wenn sich das Dorf am Sonntag in der Kirche traf, wo der Messdiener Tonnelier vor der Gemeinde aus der Bibel las. „Stolz“ sei er auf diese Aufgabe gewesen, sagt er, auch wenn er niemand sei, der die große Bühne suche.

Um seine neue Position werden ihn nur wenige beneiden, sie gilt als „heißer Stuhl“. Doch sein Wahlspruch lautet: „Was mich nicht umhaut, macht mich stärker.“

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