Neuer Notenbank-Chef Bernanke
Ein gelassener Professor tritt auf

Die Zinssitzung war Alan Greenspans letzter Akt als Chef der US-Notenbank (Fed). Seine Ära ging gewohnt routiniert zu Ende, mit der 14. Zinsanhebung in Folge auf jetzt 4,5 Prozent. Wenn der Ausschuss am 28. März zusammentritt, sitzt nach mehr als 18 Jahren erstmals ein anderer im Chefsessel: Ben Bernanke.

NEW YORK. Dieses Mal hat er sich überwunden. Der Mann, dem Anzüge und Krawatten eigentlich ein Gräuel sind, trägt einen eleganten dunkelblauen Einreiher. Sein gräulicher Vollbart glänzt im Scheinwerferlicht der Kameras. Geschafft, endlich am Ziel, signalisiert der zufriedene Gesichtsausdruck, als er ans Rednerpult tritt: „Die Notenbank wird sich auch in Zukunft weiterentwickeln. Meine wichtigste Aufgabe wird es jedoch sein, für Kontinuität zu sorgen“, liest er seinen vorbereiteten Text vor. Sein linker Arm liegt souverän auf dem Rednerpult. Jedes Wort sitzt, an jeder Formulierung hat er x-mal gefeilt.

Ben Bernanke hat sein Ziel erreicht. Er ist ab Mittwoch Chef der US-Zentralbank. Seine Antrittsrede hat er bereits bei seiner Ernennung vor drei Monaten gehalten. Seitdem kann er sich daran gewöhnen, häufiger Anzug und Krawatte zu tragen. Der 52-Jährige wollte diesen Job. Dafür hat sich der akademische Querdenker sogar in die rigorose Disziplin des Weißen Hauses nehmen lassen und ist als Wirtschaftsberater ins Bush-Team gewechselt.

Am Ende konnte der Präsident gar nicht anders, als sich für Bernanke zu entscheiden. Zu überragend sind seine Qualitäten: Professor an der Eliteuni Princeton, weltweites Ansehen als Geldtheoretiker, Erfahrung als Notenbanker. „Es gibt keinen lebenden Ökonomen, der mehr für seinen breiten Intellekt geachtet wird“, meint Harvard-Professor Greg Mankiw. Der geborene Notenbank-Chef, hieß es hinterher sogar an der nervösen Wall Street.

Aber ist er auch der richtige Mann, um das schwierige Erbe seines legendären Vorgängers anzutreten? Und das auch noch zu einem Zeitpunkt, da sich Konjunktur und Geldpolitik in den USA an einem Wendepunkt befinden? Ist Bernanke einer, der die Weltwirtschaft wieder ins Gleichgewicht bringt? Jemand, der die Spekulationsgefahren an den Finanzmärkten im Blick hat und um die Verantwortung der mächtigsten Notenbank weiß? Einer, der in der Krise die Ruhe behält und schnell die richtigen Entscheidungen trifft?

Bernanke bringt vieles mit, um diese Herausforderungen zu bestehen. In seinem geistigen Gepäck finden sich jedoch auch Ideen und Eigenschaften, die die Probleme der Greenspan-Ära noch verstärken könnten. Wie sein Vorgänger hält auch der neue Fed-Chef nichts davon, Spekulationsblasen im Vorfeld zu bekämpfen. Es ist kaum zu erwarten, dass er etwas gegen den Immobilienboom unternimmt.

Ebenso wenig scheint ihn das Defizit in der US-Leistungsbilanz zu stören. An der Schieflage sind laut Bernanke weniger die Amerikaner schuld, die über ihre Verhältnisse leben, als vielmehr Menschen in anderen Ländern, die zu viel sparen. „Globale Sparflut“ hat der neue Fed-Chef das genannt. „Er müsste wissen, dass er in beiden Fällen falsch liegt“, kritisiert Paul Krugman, ausgerechnet jener Starökonom, den Bernanke während seiner Zeit in Princeton an die Ivy-League-Universität geholt hatte.

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