Neuer RWE-Chef
Großmann feilt an Strategie

Der Mann kann einfach nicht stillhalten. Seit fast einem halben Jahr weiß Jürgen Großmann schon, dass er den Energiekonzern RWE führen soll, ungefähr genauso lange soll er seinem Vorgänger Harry Roels aber noch den Vortritt lassen. Im Hintergrund bereitet der Eigentümer der Georgsmarienhütte aber bereits eifrig den Machtwechsel in Essen vor.

DÜSSELDORF. Am Montag kam Jürgen Großmann zu einem Geheimtreffen mit Roels und Aufsichtsratschef Thomas Fischer. Währenddessen sorgen bei Management und Belegschaft erste Spekulationen über Umstrukturierungen schon für Unruhe. Vor allem aber versucht Großmann zurzeit mit Hochdruck, die zentrale Position in seinem Machttableau zu besetzen: den Posten des Chief Operating Officer (COO), des Mannes fürs Grobe, der dem Stahlmanager im operativen Geschäft den Rücken freihalten soll. Großmann will die Position neu schaffen, um sich auf seine Rolle als Cheflobbyist des Konzerns zu konzentrieren.

Und nach Informationen des Handelsblatts aus Konzernkreisen hat Großmann auch schon einen Favoriten im Blick. Offenbar soll es kein Überraschungskandidat von außen sein – lange Zeit war etwa der scheidende EnBW-Chef Utz Claassen gehandelt worden. Die besten Karten hat vielmehr RWE-Manager Berthold Bonekamp, zurzeit im Vorstand für Vertrieb und Netze zuständig. Der 56-Jährige kennt wie kein zweiter Manager die vielen Facetten des RWE-Reichs. Der studierte Maschinenbauer und Betriebswirt ist seit 26 Jahren im Konzern. Jahrelang arbeitete er für den Tagebaubetreiber Rheinbraun, ab 1999 als Vorstandsvorsitzender. 2003 machte ihn Roels dann zum Chef der gesamten Kraftwerkssparte RWE Power. Ein Jahr später wechselte er schließlich auf die andere Seite des Geschäfts und wurde mit der Leitung der Vertriebssparte RWE Energy betraut.

Einen versierten Fachmann kann Großmann gut auf der Position gebrauchen. Wie es in Konzernkreisen heißt, will er ähnlich wie bei Konkurrent Eon mehr operative Kompetenzen in die Zentrale ziehen. Speziell RWE Energy steht angeblich auf dem Prüfstand, bis hin zur Auflösung. Zumindest aber sollen Aufgaben in den Konzernvorstand und in die Regionalgesellschaften verlagert werden. Großmann könnte den bei Aktionären und Belegschaft hochangesehenen RWE-Manager als COO in diesen schwierigen Prozess einbinden. Zum anderen komme er mit Bonekamp gut zurecht, heißt es. Dieser gilt als ausgesprochen loyal. Auf weitere Verbündete kann Großmann bereits zählen. Mit Kraftwerksvorstand Ulrich Jobs hat er gemeinsam in Clausthal studiert. Und als Stabschef bringt er seinen langjähriger Vertrauten Wilhelm Robben mit.

Bei allen Planspielen ist das größte Problem allerdings ungelöst – da konnte auch das Treffen am vergangenen Montag offenbar keine Lösung bringen: Bei Großmanns Bestellung hat der Aufsichtsrat um Thomas Fischer im Februar eine Variante für den Übergang gewählt, die nicht praktikabel ist. Zwar wurde festgelegt, dass Großmann im November in das Unternehmen eintritt, bis Ende Januar soll aber noch Roels die Geschäfte führen. Seither wird spekuliert, wie lange die Regelung tatsächlich halten kann. Der Aufsichtsrat musste sogar öffentlich Gerüchten entgegentreten, Großmann werde gar nicht erst antreten.

„Dass dies so nicht funktionieren kann, ist jedem klar – dafür sind Roels und Großmann viel zu unterschiedliche Typen“, heißt es in Konzernkreisen. Roels aber denkt nicht daran, freiwillig das Feld zu räumen. Er pocht auf seinen gut dotierten Vertrag, legt Quartal für Quartal gute Zahlen vor und reagiert auf die Spekulationen über seine Person gereizt: „Sieht so ein Unternehmen aus, das paralysiert ist?“ fragte er jüngst bei der Vorlage des Zwischenberichts.

Nach einem Bericht der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ soll Roels Fischer und Großmann angeboten haben früher zu gehen – wenn die Konditionen stimmen. Offiziell wird das als „Spekulation“ abgetan. Letztlich dürfte dies für alle Beteiligten aber der einzige Ausweg sein.

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