Neuer UBS-Chef Marcel Rohner
Der Ökonometriker

Marcel Rohner ist der neue Mann bei der UBS: Der Stellvertreter von Konzernchef Peter Wuffli rückt nach dessen überraschendem Rücktritt an die Spitze der Schweizer Großbank. Der neue Spitzenmann kommt bescheiden daher - doch ihn zu unterschätzen, dürfte ein Fehler sein.

ZÜRICH.Jeden Morgen sitzt ein schlanker Mann mit dunklen Augen und Anzug in der S-Bahn, die aus dem als durch und durch durchschnittlich verschrieenen Kanton Aargau nach Zürich rauscht. Niemand sieht ihm an, dass er der zweite Mann einer der größten Banken der Welt ist. Understatement zählt bei den Eidgenossen zu einer bevorzugten Tugend.

Seit Freitag ist der 42-jährige Marcel Rohner nicht mehr die Nummer zwei, sondern der Spitzenmann bei der UBS. Der studierte Wirtschaftswissenschaftler, der sich selbst auf gut schweizerisch „Ökonometriker“ nennt, ist der neue Chef von 80 000 Mitarbeitern und führt einen Konzern, dessen Börsenwert jenseit der 100 Milliarden-Dollar-Grenze liegt. Mit dem Tram, wie die Stadtbahn in Zürich heißt, will er weiter kommen.

Den so bescheiden daherkommenden Schweizer zu unterschätzen, der sich in seinem Auftreten nicht von seinem Vorgänger unterscheidet, dürfte ein Fehler sein. Bei Mitarbeitern gilt Rohner als Zahlenmensch, als scharfer Analytiker. Wenn er von seiner Studienzeit an der Universität Zürich berichtet, fällt ihm vor allem der Kurs „lineare Algebra“ ein. „Das Training in logisch-formalem Arbeiten hat sich als unbezahlbar herausgestellt“, sagt er selbst und beobachtet seinen Gegenüber scharf. Rohner will stets sichergehen, dass seine Botschaften ankommen. Er wolle, sagt er oft, „die Herzen der Mitarbeiter gewinnen, nicht nur die Köpfe“. Wie er das sagt, lässt allerdings Vorstellungen davon aufkommen, was passiert, wenn er jemanden nicht für sich gewinnen kann. Dann könnte auch der Kopf verzichtbar sein.

Rohner ist ein Ziehsohn seines Vorgängers Peter Wuffli. 1992 beginnt er seine Banklaufbahn. Er tritt in die Dienste der damaligen Bankgesellschaft. Ein Jahr später wechselt er zum Schweizerischen Bankverein und übernimmt dort das Risikomanagement. Mit den Erfahrungen bei beiden Instituten ist er für eine Führungsrolle prädestiniert, als Bankverein und Bankgesellschaft 1998 fusionieren. Rohner steigt Chef des Risikomanagements auf. 2002 ist es Wuffli, der mit seiner Beförderung an die Spitze, Rohner mit nach oben hievt und ihn in die Konzernleitung aufnimmt. Dort ist er für die Paradisziplin der UBS zuständig: die Betreuung vermögender Kunden. Daneben untersteht ihm auch der Heimatmarkt Schweiz.

Im Januar 2006 wird er offizieller Stellvertreter von Wuffli. Er ersetzt den auch nach außen machtbewussten John Costas, dessen Loyalität sich Wuffli nicht sicher war. Es gilt als ausgemachte Sache, dass es Rohner sein wird, der Wuffli einst beerbt. Das „einst“ allerdings hätte sich nach den ursprünglichen Plänen noch hinziehen sollen.

Jetzt erklimmt der oberste Vermögensverwalter die oberste Sprosse der Karriereleiter bei der UBS. Gedanken daran, dass sich der Konzern unter Rohner stärker dessen Disziplin, eben der Vermögensverwaltung, zuwenden werde und das Investmentbanking, in dem es nicht so glänzend läuft, abstößt, zerstreut UBS-Verwaltungsratspäsident Marcel Ospel allerdings sofort: „Es gibt nur eine UBS und wir versprechen dem Kunden Zugang zu unserem gesamten Wissen und Können, egal wo er anklopft.“

Oliver Stock
Oliver Stock
Handelsblatt / Stellvertretender Chefredakteur
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