Neues aus der Wissenschaft
Sie sind übergewichtig? Seien Sie froh!

Männer im mittleren Alter, die führende Wirtschaftszeitungen lesen, nehmen meist nicht nur auf dem Bankkonto zu, sondern auch um die Hüften. Rein flirt-technisch muss das nicht zwingend ein Nachteil sein, hat doch ein Porsche mindestens so viel Sex-Appeal wie ein flacher Bauch.

DÜSSELDORF. Aber mit dem Argument der Gesundheit schaffen es unsere Ärzte doch, uns den Geschmack am Lachsschnittchen zu vergällen. Mit unserem Körpermassenindex (BMI) von über 25 müssen wir uns „übergewichtig“ nennen lassen und ein schlechtes Gewissen schieben. Vielleicht nicht mehr lange. Von den Ökonomen – genauer: den Anthropometrikern, einer Teildisziplin der Wirtschaftshistoriker – kommt Entwarnung. Ein bisschen Dicksein schadet nicht, es verlängert sogar das Leben, lautet das Ergebnis einer neuen Studie. Der Münchner Wirtschaftshistoriker Marco Sunder (BMI: 27) wertete dafür eine große Datenbank aus den USA aus. Mehr als 14 000 Menschen zwischen 25 und 74 Jahren wurden zu ihren Lebensgewohnheiten befragt, gewogen und vermessen. Das Leben und Sterben der Untersuchungsteilnehmer wurde bis 1992 verfolgt.

Die erste gute Nachricht lautet: Der Gewichtsbereich mit der längsten Lebenserwartung liegt dort, wo wir nach herrschender Medizinerlehre schon übergewichtig sind – bei einem Körpermassenindex von etwas über 25 bis knapp 29. Wer sich also erfolgreich abmüht und auf einen von Ärzten empfohlenen BMI von unter 25 kommt, verkürzt damit tendenziell sein Leben. Der BMI wird berechnet als Gewicht in Kilogramm geteilt durch das Quadrat der Körpergröße in Metern. Das heißt für einen 1,80 Meter großen Menschen: Gemessen an der Lebenserwartung hat er sein Idealgewicht zwischen 81 und 94 Kilogramm.

Auch die medizinische Forschung hat in den letzten Jahren herausgefunden, dass moderates „Übergewicht“ die Lebenserwartung erhöht. Die zuständigen Stellen ringen aber noch damit, wie sie angesichts der epidemischen Zunahme starken Übergewichts mit dieser Erkenntnis umgehen wollen. Sie fürchten vermutlich, durch eine Teilentwarnung dieses Problem noch zu erhöhen und lassen uns daher weiter ein schlechtes Gewissen haben. Schlimmer noch: Sie tun nichts dagegen, dass wir mit Diäten unsere Lebensqualität zerstören und unser Leben verkürzen.

„In den vergangenen Jahren machten zum Schrecken vieler Adipositasforscher Studien auf sich aufmerksam, die über eine erhöhte Mortalität bei Personen, die ihr Gewicht reduzierten, berichten“, schrieb schon 2001 die „Ärzte-Woche“. Dann wird die Professorin Aila Rissanen von der Uniklinik Helsinki von einem Adipositaskongress zitiert. Dort habe sie erläutert, warum solche Studien-Ergebnisse statistisch verzerrt sein dürften. Um so bemerkenswerter, dass die gleiche Aila Rissanen in einer vor kurzem veröffentlichten, groß angelegten Studie einräumen musste, dass das Ergebnis auch auftritt, wenn man solche vermuteten Verzerrungen ausschaltet. Wer übergewichtig ist (BMI größer 25), und ebenso bewusst wie erfolgreich abnimmt, der verkürzt seine Lebenserwartung.

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