Neues Netzwerk
Frauen an die Macht bei Siemens

Der Siemens-Konzern will mit einer Diversity-Offensive mehr Vielfalt ins Management bringen. Die Führung sei zu deutsch, zu weiß und zu männlich, kritisierte Siemens-Chef Peter Löscher. Daher soll nun auch das Potenzial der weiblichen Mitarbeiter besser genutzt werden.

MÜNCHEN. Für Siemens-Chef Peter Löscher ist es ein ungewohnter Anblick. Seit mehr als 20 Jahren arbeitet er für internationale Konzerne wie Hoechst, Aventis, General Electric Merck und nun Siemens. Doch als er am Donnerstagabend - gewohnt korrekt mit Anzug und Krawatte - die Bühne des Siemens-Forums betritt und ins Publikum blickt, da bekennt er: "Das ist mein erstes Meeting, bei dem die Frauen in der Mehrheit sind." Gut 100 Siemens-Manager aus aller Welt sitzen vor ihm. Sicherlich gut 90 Prozent davon sind Frauen. Zwar ist zum Start des internationalen Netzwerk "Global Leadership Organization of Women" (GLOW), in dem sich Frauen in Führungspositionen für hoffnungsvolle, jüngere Kolleginnen einsetzen sollen, fast der gesamte Vorstand gekommen - und der ist trotz eines ersten weiblichen Mitglieds noch immer männlich dominiert. Ansonsten aber dominieren an diesem Abend die Teilnehmerinnen.

Damit so ein Anblick in Zukunft nicht mehr gar so ungewohnt ist, hat der Siemens-Konzern Jill Lee nach München geholt. Die bisherige Finanzchefin in Asien soll als Chief Diversity Officer dafür sorgen, dass mehr Vielfalt in die Führungsriege einkehrt. Ein wenig ist Siemens ja schon vorangekommen. Das zeigt sich, als der Österreicher Löscher nach seiner kurzen Begrüßungsrede Lee auf die Bühne holt. Im gelben Rock und schwarzen Oberteil tritt die Managerin neben ihren Chef. Die in Singapur Gebürtige ist ein erstes Beispiel dafür, dass es künftig bunter zugeht bei Siemens. Einige Köpfe kleiner als der hochgewachsene Löscher ist die 45-Jährige. Eine fröhliche, offene Managerin ist Lee. Doch, heißt es in ihrem Umfeld, kann sie ihre Aufgaben auch knallhart verfolgen. Diese Veranstaltung, ruft sie ihren Kolleginnen entgegen, ist "eine Nacht, die in die Geschichte von Siemens eingehen wird".

Das wird auch notwendig sein. Denn in den Zeiten vor Löscher war Siemens nicht gerade ein Vorreiter in Sachen Vielfalt in der Führung. Andere Dax-Konzerne hatten schon früher ihren Chief Diversity Officer und waren früher in den Vorständen zumindest etwas international besetzt. Ziel müsse es sein, dass jeder im Konzern die selben Karrieremöglichkeiten habe, unabhängig von Geschlecht und Herkunft, sagt Löscher. "Wir müssen unsere internen Barrieren niederreißen."

Jill Lee hat die Zahlen mitgebracht. Zwar macht Siemens 80 Prozent seines Umsatzes außerhalb Deutschlands und zwei Drittel der Belegschaft kommen aus dem Ausland. Im Management aber dominieren zu zwei Dritteln die Deutschen. Bei der Partizipation der Frauen sieht es noch schlechter aus: 25 Prozent der Belegschaft sind Frauen, aber nur sieben Prozent des Top Managements. Der neuen Diversity-Managerin geht es dabei nicht um die Erfüllung von Quoten. Siemens verschwende Kreativpotenzial. Weiße Männer stellen weltweit nur 17 Prozent des Talent-Pools. Siemens aber hat sich bisher fast ausschließlich aus diesem Topf bedient. "Wir wollen ein Umfeld schaffen, das es jedem Talent rund um den Globus ermöglicht, Schlüsselfunktionen im Konzern zu erreichen", sagt Lee.

Dass es bisher anders war, hat viele Gründe. Die Wissenschaftlerin und Autorin Sylvia Ann Hewlett macht dafür auf dem Podium der Siemens-Veranstaltung auch eine "feindliche Macho-Kultur" in den Unternehmen verantwortlich. Zudem gingen viele weibliche Talente zwischen 30 und 40 Jahren verloren, weil es zuwenig Möglichkeiten gebe, Familie und Beruf zu vereinen. Ob es denn bei Siemens für sie die Möglichkeit gebe, einen Teil der Arbeit von zuhause zu erledigen, wird Siemens-IR-Chefin Mariel von Drathen gefragt. "Ja, ich arbeite von zuhause, zumindest zwei Tage die Woche", sagt die, "nämlich Samstag und Sonntag."

Dass auch bei Siemens noch viel Handlungsbedarf ist, zeigte die anschließende, sehr offene Diskussion. Für den Konzern könnte es sich aber lohnen. Denn die Frauen wollen auch eigene Qualitäten in die Führung einbringen. Weibliche Manager seien zum Beispiel risikobewusster, sagte Carolyn Buck Luce von Ernst & Young. Vielleicht, meint sie, sähe die Welt heute anders aus, wenn es nicht Lehman Brothers, sondern Lehman Sisters geheißen hätte.

Axel Höpner
Axel Höpner
Handelsblatt / Büroleiter München
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