Neustrukturierung des Briefgeschäfts
Post-Vorstand Jürgen Gerdes kämpft gegen alle Widerstände

Der Vorstand der Briefsparte bei der Deutschen Post, Jürgen Gerdes, krempelt seinen Geschäftsbereich gehörig um. Dafür erntet der 44-Jährige massive Proteste der Gewerkschaften. Doch ein Scheitern kann sich der Konzern nicht leisten, denn die Konkurrenz der Briefzusteller ist enorm.

DÜSSELDORF. Heftig fährt Deutsche-Post-Chef Frank Appel seinem Briefvorstand Jürgen Gerdes in die Parade, als dieser Analysten kürzlich die Neuausrichtung des Briefgeschäfts präsentiert. „Aus heutiger Sicht hätten wir im vergangenen Jahr sicher keine Lohnerhöhung mit der Gewerkschaft Verdi vereinbaren sollen,“ hatte Gerdes gerade gesagt – und war damit unbewusst ins Fettnäpfchen getreten. Denn es war sein Boss Frank Appel, der damals die Unterschrift unter die neue Tarifvereinbarung gesetzt hatte. Der verblüffte Appel springt sofort auf die Bemerkung an – und bringt als Grund für den Umbau die Finanzkrise ins Spiel: Diese sei damals noch nicht vorhersehbar gewesen, bürstet er seinen Vorstand ab.

Die Nervosität ist offenbar groß bei der Post – Überzeugungsarbeit gilt da wohl als Chefsache. Denn die Abhängigkeit des Logistikriesen vom Wohl und Wehe der Briefsparte ist größer denn je. Läuft die Sparte schlecht, gerät die ganze Post ins Wanken. Und danach sieht es im Moment aus. Das operative Ergebnis des Konzerns, der sich neuerdings Deutsche Post DHL nennt, um zu betonen, dass er auf den beiden Beinen Brief und Logistik stehen will, kommt im ersten Quartal nahezu ausschließlich aus dem Briefgeschäft – und das ist um ein Viertel eingebrochen.

Damit steht der 44-jährige Gerdes mächtig unter Druck. Er, der seit zwei Jahren den wichtigen Vorstandsbereich Brief verantwortet, muss den Ausweg finden. Aber weniger die Finanzkrise, die irgendwann vorüber ist, als grundsätzliche Fragen machen der Post zu schaffen: Wie begegnet sie der zunehmenden Konkurrenz durch E-Mail, SMS und Internet? Wie will sie sich gegen drängende Wettbewerber wie TNT Post, Pin Mail oder Citipost behaupten? Diese decken die Schwäche des Marktführers im personalintensiven Geschäft gnadenlos auf: Im Vergleich drücken die Post zu hohe Lohnkosten. Das muss Diplom-Verwaltungswirt Gerdes jetzt ändern – und damit Appels Zugeständnisse an die Gewerkschaften wieder einkassieren.

Appel, groß und asketisch, das genaue Gegenteil zum kompakten und manchmal lausbubenhaften Gerdes, hatte damals gerade Klaus Zumwinkel an der Spitze der Post abgelöst, der wegen einer privaten Steueraffäre den Konzern verlassen musste. Als neuer Chef wähnte er sich wohl in guter Tradition, als er neben einer Lohnerhöhung auch der Verlängerung des Beschäftigungspakts zustimmte, der Kündigungen bei der Post in Deutschland bis 2011 ausschließt.

Zumwinkel war für seinen „Schmusekurs“ mit den Gewerkschaften bekannt. Damit konnte er zwar in Ruhe aus der alten Schneckenpost den größten Logistikkonzern bauen. Doch dies war durch hohe Lohnabschlüsse und den Ausschluss betriebsbedingter Kündigungen teuer erkauft – wie sich nun verschärft durch die Finanzkrise zeigt.

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