New Economy ebnete IM den Weg
Einsatz in Nadelstreifen

Wenn es im Unternehmen brennt, kann oft ein Interims-Manager helfen. Doch es gibt Vorbehalte gegen die Chefs auf Zeit.

Kündigungsschutz und Abfindungen sind ihnen fremd. Lohn und Brot für ein paar Monate, das reicht den so genannten Interims-Managern, danach zieht es sie zu neuen Herausforderungen. Und trotzdem – kaum ein Unternehmen greift zu. Der Grund soll in der deutschen Mentalität zu finden sein. Wieder mal.

Eine Studie des Europressedienstes, die Handelsblatt Karriere & Management exklusiv vorliegt, bringt es an den Tag: Üppige 61,6 Prozent der befragten Firmen sind der Überzeugung, die deutsche Denke sei verantwortlich dafür, dass das in anderen Ländern wie Großbritannien oder den Niederlanden sehr erfolgreiche Instrument des Interims-Managements hier zu Lande nur auf Sparflamme köchelt. Die mittelständischen Strukturen täten ein Übriges, glauben 43,2 Prozent.

Die Folge: Über 80 Prozent der befragten Unternehmen haben bislang keine Erfahrung mit Interims-Managern (IM). Und in Zukunft wollen nur rund 42 Prozent die externen Aushilfen in Nadelstreifen einsetzen, 44 Prozent dagegen auch weiterhin auf zeitlich befristete Managerdienste verzichten.

Eine fataler Befund, der all denen zu denken geben muss, die sich den vielfach gepredigten Erfordernissen der Zeit anpassen und ihre Linienkarrieren hinter sich lassen wollen. „Aus Arbeitszeit wird Zeitarbeit“, hat etwa unlängst der Personalvordenker Reinhard Sprenger in Hamburg postuliert.

Hinzu kommt, dass das schlechte Image der Zeitarbeit abfärbt, so dass Befangenheit auftritt: „Wenn Leute bei uns wegen IM anrufen, dann fragen sie häufig verschämt nach, so als sei es unmoralisch, jemanden nur befristet zu engagieren“, registriert Kay Kessler, Personalberater bei der Zentralstelle für Arbeitsvermittlung (ZAV) in Frankfurt.

Interims-Manager ist nicht gleich Interims-Manager

Ein weiteres Image-Problem resultiert aus dem inflationären Gebrauch der Bezeichnung Interims-Manager: 10 000 Männer und Frauen soll die Zunft in Deutschland bereits zählen, verkündete unlängst der Bundesverband Deutscher Unternehmensberater (BDU). Eine Zahl, die Marktbeobachter für viel zu hoch gegriffen halten: „Nur ein Teil davon betreibt professionelles Interims-Management“, sagt Vera Bloemer, die sich als Buchautorin mit der Branche befasst hat.

Allein die etwa zehn ernst zu nehmenden IM-Vermittlungsagenturen in Deutschland prahlen zwar mit bis zu 4 000 registrierten Führungskräften in ihren Datenbanken. Sie machen aber auch keinen Hehl daraus, dass sie nur mit einem kleinen harten Kern, meist gerade einmal 200 oder 300 Managern, regelmäßig zusammenarbeiten. Der große Rest – Karteileichen. Aber alle balgen sich um die, laut Vera Bloemer, jährlich 4 000 bis 5 000 Interims-Projekte. Bei so viel Masse statt Klasse kann die Qualität schon einmal auf der Strecke bleiben. Transparenz für die Auftraggeber: Fehlanzeige.

„Da sind viele ungeeignete Kandidaten dabei“, sagt auch Viktor Jarosch. Dies seien Leute, die sich gerne IM nennen, aber nicht über die Kompetenz verfügen. Jarosch ist seit drei Jahren als IM unterwegs. Zuvor war der 60-Jährige 15 Jahre lang bei der Metro-Tochter Asko in verschiedenen führenden Positionen tätig. Sechs Projekte hat er als IM bereits gestemmt, darunter die Planungen für eine Low-Cost-Airline. Aktuell betreibt er den Umbau und die Fusion zweier Genossenschaften.

„Ein IM muss sich seiner eigenen Endlichkeit in seiner jeweiligen Aufgabe bewusst sein“, beschreibt Jarosch sein Selbstverständnis. Soll heißen: Karriereambitionen müssen für Manager auf Zeit tabu, das Ziel und Ende der Einsätze immer fest im Blick sein. Viele derer, die sich heute aber IM nennen, täten dies aus einer Notlage heraus: „Die hoffen, über einen IM-Einsatz wieder in eine feste Anstellung zu rutschen.“ ZAV-Berater Kessler ergänzt: „Der IM muss seine Karriere schon hinter sich haben.“

Die New Economy ebnete den IM den Weg

Vor rund drei Jahren tauchten die IM erstmals in der deutschen Presse auf. Die New Economy sollte ihnen den Weg ebnen. Lauter junge Gründer, noch grün hinter den Ohren, ohne Erfahrung in Unternehmensführung: Ein Eldorado für die Alten – glaubten und hofften damals viele von diesen. Und wurden auch engagiert. Retten konnten sie die „neue Wirtschaft“ aber auch nicht.

Heute ist es in erster Linie der Mittelstand mit seinen Problemen, auf den die IM-Branche setzt. Sanierung, Restrukturierung, Sparringspartner für den Nachfolger: Einsatzmöglichkeiten sind en masse vorhanden. Theoretisch. Aber bei dem Gedanken, einen Fremden für ein paar Monate in die Geschäftsführung zu holen, klappen vielen Mittelständlern – die selbst Umsatzzahlen wie Staatsgeheimnisse hüten – die Fingernägel nach oben. Die Angst, einen faulen Apfel zu erwischen, schwingt stets mit.

Aufklärung tut Not. Denn die Vorteile, die gut gemachtes Management auf Zeit bietet, sind nicht von der Hand zu weisen: Die Aushilfsmanager sind meist innerhalb weniger Tage parat und können so plötzlich auftretende Vakanzen in der Chefetage füllen. Und sie bringen Kenntnisse mit, die dauerhaft vorzuhalten sich für ein Unternehmen nicht rechnen würde. Das wissen auch die Firmen: 80 Prozent der Befragten in der Europressedienst-Studie zeigten sich davon überzeugt, dass ein Unternehmen vom Wissen eines externen Manager profitieren würde.

Es sind solche Mut machenden Ergebnisse der Studie, auf die Alexander Adelmund, Deutschland-Chef der alteingesessenen niederländischen IM-Vermittlung Van Hecke Partners Managers (VHPM) in München, setzt. Diese sollen dem Management auf Zeit den Ruch der Intransparenz nehmen. Mit Fakten statt Vorurteilen will der Initiator der Europressedienst-Studie die deutsche Mentalität umpolen.

Erfahrungen mit IM durchweg gut

Die Voraussetzungen hierfür seien gegeben: Die Unternehmen mit IM-Erfahrung sind fast durchweg sehr zufrieden: Über 60 Prozent vergeben die Noten gut und sehr gut, bei nur neun Prozent der Unternehmen haben die IM es nicht geschafft, ihren Auftrag erfolgreich zu beenden. Und über drei Viertel der Unternehmen, die schon einmal einen IM engagiert haben, wollen dies wieder tun. „Das ist doch die beste Werbung für unsere Branche“, findet Adelmund.

Er schielt auf niederländische Verhältnisse, wo bereits 60 Prozent der Unternehmen Erfahrung mit Managern auf Zeit haben. Dort ist IM schon seit den 70er-Jahren ein Begriff. „In den Niederlanden gibt es schätzungsweise 40 000 Manager auf Zeit“, sagt Buchautorin Bloemer. Im Nachbarland arbeiten die IM nicht nur in der privaten Wirtschaft: „Bei uns sind viele erfahrene und Allround-Interims-Manager auch in der öffentlichen Verwaltung im Einsatz“, berichtet Roelof Bijlsma, Geschäftsführer und ein Mann der ersten Stunde bei VHPM in Den Dolder.

Bis es in Deutschland so weit ist, müssen sich die ambitionierten IM noch gedulden. Immerhin: In Gestalt der ZAV hat sich auch das Arbeitsamt des Themas angenommen. „Seit etwa einem Jahr gehen wir das offensiv an“, sagt ZAV-Mann Kessler. Aktuell plant er ein Symposium zum Management auf Zeit, um es bei den Unternehmen bekannter zu machen. Wenn schon das Arbeitsamt Stimmung für das Interims-Management macht, so das Kalkül, dann sollte es deutschen Unternehmern möglich sein, ihre mentalitätsbedingte Zurückhaltung gegenüber dieser Form der Zeitarbeit zu überprüfen.

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