New Economy
Vergangenheit im Hinterhof

Alexander Artopé hat aus dem Startup Datango einen normalen Mittelständler gemacht.

Wendet Alexander Artopé an seinem Schreibtisch den Kopf ein wenig nach rechts und senkt den Blick, dann schaut er auf die New Economy. Denn da unten, einen Hinterhof in Berlin-Pankow weiter, steht seine Vergangenheit: das graue, alte Haus, in dem sein Unternehmen, die Datango AG, ihren Anfang nahm.

Das Fenster mit Aussicht auf die Wurzeln liegt in der vierten Etage eines langweiligen, rot geklinkerten Bürohauses an der Schönhauser Allee. An den weißen Wänden im Flur hängt Kunst, die dunklen Schreibtische könnten auch in einem der anderen Stockwerke stehen – bei der Garant-Versicherung oder bei Zahnarzt Thorsten Kleinert.

Nichts ist mehr zu spüren vom Aufbruch, verschwunden sind die Tapeziertische, auf denen früher die Computer standen. Wer den Aufzug betritt, fürchtet nicht mehr um sein Leben wie in dem Haus im Hof. Datango ist heute ein „mittelständisches Softwareunternehmen“, zu dessen Kunden Großkonzerne wie Schering zählen.

Ihre Mitarbeiter werden über eine Zusatzsoftware im Umgang mit neuer Software geschult. Wie durch ein Museum werden sie am Bildschirm durch Programme geführt oder durch eine mitarbeitende Hilfefunktion unterstützt.

Das ist ein Stück weg von der Idee, mit der Artopé und fünf Mitstreiter einst starteten: Ein Fünftel der Umsätze sollten Web-Rides erzielen, geführte Touren durchs Internet. So bekamen Enterprise-Fans die besten Star-Trek-Seiten gezeigt, kommentiert von Captain Picards Stimme. Doch die Werbefinanzierung lief nicht, also drehte Artopé die Firma gen Business-to-Business.

Wendigkeit hat der Sohn des Chefs des Münchener Atlas-Verlags schon früh bewiesen: BWL- und Publizistik-Studium, Praktika in den USA, Mitautor einer Studie zur Internetökonomie, Ex-Vorstand der Studenteninitiative MTP.

Und immer ist er der Antreiber. „Eine gewisse Hartnäckigkeit“ macht er bei sich aus: „Ich lebe dafür, Dinge umzusetzen.“ Wer deshalb einen bulligen Lautsprecher erwartet, liegt falsch. „Keiner ist netter“, schrieb mal „Die Welt“.

Ruhige Stimme, gepflegte Wortwahl, ausgesuchte Höflichkeit – man mag kaum glauben, was Alexander Holtappels über ihn erzählt, der mit Artopé 1993 im MTP-Vorstand arbeitete. „Alex nimmt das Zepter in die Hand und prescht nach vorne – und das mit echter Geschwindigkeit“, sagt der Chef der Hamburger Marketingberatung Con Structores. Aber notfalls kann der nette Alex auch ganz anders, erinnert sich Holtappels: „Ich habe mich noch nie zuvor und nie mehr danach mit jemand so gestritten. Er kann im Streit eine unheimliche Intensität entwickeln, teilt aber keine Tiefschläge aus. Trotzdem: Er ist ein guter Freund geblieben.“

Ein starker Auftritt ist gefragt, als die New Economy zügig ihrem Hitzschlag entgegenstrebt. In den Räumen des Berliner Vorzeigestartups Alando/Ebay präsentieren sich im November 1999 Startups, darunter Datango, vor Risikokapitalfirmen – oder besser, diese haben sich zu präsentieren. Auf Bierbänken sitzen renommierte Venture-Capitalisten und beugen sich der Machtverschiebung: „Für die war es extrem ungewohnt, dass der Gründer aufsteht und zum nächsten VC geht. Es war toll, weil eine unheimliche Energie im Raum lag“, sagt Artopé.

Datango bekommt Geld, nur der Himmel scheint die Grenze zu sein: „Gut möglich, dass wir Millionäre werden“, sagt er 2000 dem „Stern“. „Wir haben auf eine Big-Picture-Vision gesetzt“, zitiert ihn „Impulse“.

Eine PR-Aktion zur Einführung der Green Card sorgt für Schlagzeilen: „Sind Sie Inder?“ fragt Datango und bekommt tatsächlich Bewerbungen aus Indien. Als Chef des Startup-Netzwerks Siliconcity ist Artopé gefragter Ansprechpartner.

Doch Datango wird hineingerissen in den Strudel der Krise. Web-Rides gibt es nicht mehr, Millionär ist Artopé auch nicht. Börsengang? Kein Thema. Vier der Gründer sind ausgestiegen, einer arbeitet noch in der Entwicklung bei Datango.

Auch Siliconcity ist entschlafen: „Es werkelt mehr jeder vor sich hin“, sagt Artopé. Sogar Marc Samwer, einer der drei Brüder, die den Handy-Klingelton-Anbieter Jamba leiten, klingt nostalgisch, als er fragt: „Ach, der Alex – wie geht’s dem denn jetzt?“ Ein Jahr schon habe man sich nicht gesehen.

Startup-Treffen seien nicht mehr nötig, meint Artopé: Wer noch im Markt sei, dem „ist es eher wichtig, sich in der Branche Kontakte zu schaffen und mit Kunden ein Netzwerk zu knüpfen“. Dafür holte er Erfahrung in den Vorstand. Mit ihm leiten zwei Mittvierziger Datango: Harald Weimer war Vorstand beim Softwarehersteller Openshop, Jochen Wiechen beim Venture-Capitalisten Martlet.

„Damals gab es so viele Gründer, weil es galt, schnell unterwegs zu sein. Also: Je mehr Leute, desto besser, um das Unternehmen groß zu machen“, sagt Artopé. Richtig groß aber ist Datango noch nicht geworden. Von 45 Mitarbeitern schrumpften die Berliner auf jetzt 25. Man arbeitet hart an der Gewinnschwelle, kommendes Jahr soll sie dauerhaft überschritten werden. Ein ganz normales Unternehmen eben – so wie seine Büros. Die Vergangenheit muss unten im Hof bleiben.

Thomas Knüwer
Thomas Knüwer
Handelsblatt / Reporter
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