NFL-Chef Roger Goodell
Ein braver Leutnant

In der Nacht von Sonntag auf Montag endete die Saison der Football-Liga NFL mit Rekordeinschaltquoten. Dank ihres Chefs Roger Goodell – oder trotz des Liga-Chefs?

PHOENIX. Das Blau scheint Roger Goodell zu verschlucken. Blau ist die Wand mit den Logos der American Football-Liga NFL hinter ihm, blau der hüfthohe Tisch vor ihm, blau sein Anzug, sein Hemd, seine gestreifte Krawatte. Nur das rot-blonde Haar und das leicht gerötete Gesicht des NFL-Chefs heben sich ab wie der Kopf eines Ertrinkenden aus dem Wasser – und seine Hände, die Fingerspitzen leicht aneinandergelegt, gelegentlich öffnen sie sich mechanisch zu einer fast segnenden Geste, die ihn wirken lässt wie eine Marionette.

„Der mächtigste Sportmanager der USA“ – diesen Ehrentitel verlieh ihm das Wirtschaftsmagazin „Business Week“. Doch Goodell hat so gar nichts von einem charismatischen Macher. Unbewegt wie mit einer Überdosis Botox festgespritzt ist sein Gesicht bei der Pressekonferenz im Vorfeld des NFL-Finales, dem Super Bowl in Phoenix. Und was er sagt, ist größtenteils zu vernachlässigen. Salbadernde Allgemeinplätze, gefüllt mit US-typischen Superlativen. Alles ist „terrific“, jeder ist „excited“ vor dem Spiel des Jahres zwischen den New York Giants und den New England Patriots, das die New York Giants mit einem überraschenden 17:14 für sich entschieden.

Goodell ist ohne Frage der mächtigste Manager des US-Sports. Und doch wird er in den kommenden Monaten beweisen müssen, ob er wirklich geeignet ist für seinen Posten. Der Super Bowl in Phoenix könnte der Anfang vom Abstieg sein.

Im August 2006 sieht das noch anders aus. Der langjährige Commissioner – so lautet der NFL-Chefposten offiziell – Paul Tagliabue tritt ab. Unter seiner Regentschaft ist die Liga ihren nationalen Widersachern aus Basketball, Eishockey und Baseball weitgehend enteilt. Über sechs Milliarden Dollar setzte sie um, bis 2012 nimmt sie jedes Jahr mindestens drei Milliarden Dollar aus TV-Rechten ein. Kein Wunder, dass es äußerst prominente Kandidaten für Tagliabues Nachfolge gibt. US-Außenministerin Condoleeza Rice wird gehandelt, ebenso Präsidentenbruder und Florida-Gouverneur Jeb Bush. Doch es wird der brave Leutnant Tagliabues: Goodell. „Man kann sich nicht besser auf diesen Posten vorbereiten als er“, sagt John Mara, Präsident der New York Giants nach der Wahl Goodells. Als „smart und ehrlich“ beschreibt ihn Pat Bowlen, Präsident der Denver Broncos.

24 Jahre ist Goodell da schon für die Liga aktiv, hat sich hochgearbeitet vom Praktikanten bis zum Organisationsvorstand. In dieser Rolle hat er gelernt, mit den egomanischen Charakteren der Team-Besitzer umzugehen. Denn die NFL ist keine Sportliga europäischen Zuschnitts, sie ist ein Wirtschaftsunternehmen, dessen Anteile die Besitzer der 32 Teams halten. Ein Großteil der Clubs ist in der Hand milliardenschwerer Familiendynastien, für die knallharte Verhandlungen Alltag sind.

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